Pepe: Anleitung für einen Mord

Aktualisiert: 22. Feb 2019


Fünfzehn oder sechzehn Mal hatten wir diesen Lehrgang schon während der Pfingstferien in der Sportschule Oberhaching durchgeführt und der Ablauf war reine Routine für uns. Wir, das waren unser Verbandsarzt Dr. Rainer Lennig, genannt Doc, der Präsident H.-P. Schorn und ich, Sebastian Preckler, der im Verband für die Jugendarbeit zuständig war. Einer fehlte: Michael van Staan, unser Leiter der Sachabteilung Technik.

Zwei Tage vor Beginn des Lehrgangs hatte er mich angerufen und sich entschuldigt. Er könne nicht kommen, weil seine Frau krank sei und sie seiner Hilfe bedürfe. Seine Stimme hatte merkwürdig flach und enttäuscht geklungen. Wir kannten das. Michael stand unter dem Pantoffel, im wahrsten Sinne des Wortes. Seine Frau hielt gar nichts davon, dass er als Funktionär in einem Sportverband tätig war und versuchte schon seit Jahren, ihm den Posten auszureden. Sie hasste es, wenn er sich ihrer Beobachtung entzog und der jährliche Lehrgang in der Sportschule war die einzige Gelegenheit für ihn, sich eine Woche dem Einfluss seiner Gattin zu entziehen.


Ach so. Ich muss noch erklären, wer Pepe ist. Das ist unser Präsident, Hans-Philemon Schorn, ein sehr erfolgreicher Anwalt aus dem Landkreis Augsburg. Er hasst seinen zweiten Vornamen und vermeidet es, ihn irgendwie zu verwenden oder zu erwähnen.

H.-P. interpretierten viele Leute als Hans-Peter und in der Regel ließ Pepe sie das auch glauben. Einmal hatte ihn jedoch ein Lehrgangsteilnehmer beim Essen mit der Frage genervt, wofür H.-P. stehe und die Antwort war: „H für Hans und P für Pepe. Pepe - nach meinem andalusischen Großvater.“

Wir verbissen uns unter großen Anstrengungen das Lachen, zumal der Lehrgangsteilnehmer seinem Präsidenten glaubte.

Seitdem hieß H.-P. Schorn im Sportverband nur Pepe.


Wie immer saßen wir nach dem Abendessen in der Kellerbar, an einem für uns reservierten Tisch. Der Barmann zauberte mit einem knappen „Servus“ einen eiskalten Pinot Grigio, drei Gläser und eine Schale mit Erdnüssen auf die Theke. Er kannte unsere Vorlieben. Ich stand auf, stellte die Sachen auf ein Tablett, goss den Wein ein und balancierte alles zu unserem Stammtisch.

„Prost!“, sagte ich. Wir erhoben unsere Gläser.

Drei Flaschen Wein später schwächelte unser Doc und verabschiedete sich. Er trank selten Alkohol und musste am folgenden Morgen früh aufstehen und mit den Lehrgangsteilnehmern Sport machen. VOR dem Frühstück ein 5000-m-Lauf!

„Ich habe zwei gute Zigarren dabei.“ Pepe klopfte mit seiner Linken auf die Brusttasche seines Jacketts. „Holen wir uns noch eine Flasche und gehen wir nach draußen. Hier dürfen wir ja nicht rauchen.“

Genauso machten wir es.


Es war ein schöner, warmer Abend Anfang Juni und wir nahmen draußen auf einer Bank in der Nähe des Eingangs Platz. An warmen, windstillen Abenden war diese Bank der beste Platz in der gesamten Sportschule, um ungestört reden zu können. Vom Biergarten her tönten helle Stimmen und fröhliches Lachen von Mädchen und jungen Frauen. Es waren die Volleyballspielerinnen des Bayernkaders U18. Man sah selten so viele hübsche, junge Damen auf einem Haufen wie bei den Volleyballspielerinnen.

„Schade, dass Michael nicht kommen konnte.“ Pepe trank sein Glas leer und schüttete uns Wein nach.

Ich hatte die Zigarre im Mund und stieß eine große Rauchwolke aus, die in der Dunkelheit schemenhaft davonschwebte.

„Ich verstehe nicht, dass er sich von seinem Ehedrachen so unterdrücken lässt“, meinte ich. „Wenn meine Frau mich so nerven würde, wäre ich rein aus Trotz hier und ließe es mir gutgehen. Die könnte sich zu Hause dann austoben.“

Pepe schaute mich von der Seite her an und seufzte. „Meine Alte hat mich auch schon wieder angemacht. Ich höre bloß noch Vorwürfe und Boshaftigkeiten von ihr. So eine Xanthippe! Wie konnte ich die bloß heiraten?“

Er seufzte, dann glühte seine Zigarrenspitze und Pepe inhalierte den Rauch tief in seine Lungen. Eine Havanna „auf Lunge rauchen“, das würde mich umbringen. Pepe schien es nichts auszumachen.

Ich wusste von Pepes Eheproblemen und kannte seine Frau gut. Ein fürchterliches Weib! Wenn sie auftauchte, ergriffen die, die sie kannten, diskret die Flucht. Und wer sich nicht rechtzeitig davonmachte, musste sich endlose egomanische Tiraden anhören und bekam nicht die geringste Chance, eine eigene Meinung zu äußern.

Ulla Schorn war auch Rechtsanwältin und Teilhaberin der Kanzlei Schorn & Schorn.

Pepe arbeitete erfolgreich, während seine Frau versuchte, sich den einen oder anderen Mandanten zu angeln.

„Ich muss Ulla auch mal loben“, hatte Pepe während eines Lehrgangs in kleiner Runde im angetrunkenen Zustand zu fortgeschrittener Stunde sarkastisch zum Besten gegeben: „Sie ist die erfolgloseste Rechtsanwältin, die ich kenne und sie hat noch nie einen Prozess gewonnen. Das muss ihr erst jemand mal nachmachen!“

„Und?“, wollte ich wissen. „Um was ging es bei euch wieder?“

„Woher soll ich das wissen? Wahrscheinlich hat es ihr nicht gepasst, dass ich sie nicht mitnehme. Sie könne doch auch ein paar Unterrichte halten, meinte sie kürzlich.“

„Oh Gott, bloß nicht!“, entfuhr es mir. „Wenn du sie mitbringst, fahre ich sofort nach Hause.“

Pepe stieß mir den Ellenbogen in die Seite. „Hältst du mich für so dumm?“

„Nee, eigentlich nicht“, war meine lahme Antwort.

Wir tranken wieder einen Schluck Wein und stießen große Wolken von Tabakrauch aus.


„Lass dich doch scheiden“, war mein Vorschlag.

„Das stellst du dir so einfach vor, Basti. Sie weiß zu viel über meine Arbeit und wir haben keinen Ehevertrag. Wenn ich mich scheiden lasse, macht sie mich fertig und zusammen mit den Kindern wird sie mich finanziell erledigen. Ich werde völlig pleite sein nach der Scheidung und für den Rest meines Lebens am Rande des Existenzminimums dahinvegetieren.“

Pepe und Ulla hatten zwei Mädchen, die auf ein Internat gingen, das jeden Monat eine Menge Geld kostete. Und die Zwillinge waren reine Mamakinder. Im Fall einer Scheidung würden sie zur Mutter halten. Das war Pepe klar. Er tat mir leid. Mehr aus Spaß, um ihn aufzumuntern, schlug ich vor: „Geh die richtigen Schwammerln suchen und bereite ihr dann ein Pilzgericht zu. Aber selbst auf keinen Fall mitessen!“

„Tolle Idee!“, meinte Pepe. „Man stellt schnell fest, dass sie grüne Knollenblätterpilze gegessen hat. Man weist mir nach, dass ich die Pilze gesucht und zubereitet habe. Die Zeugen erzählen von Eheproblemen, die Zwillinge hauen mich in die Pfanne. Man rekonstruiert penibel meinen Tagesablauf und meine Tätigkeiten. Dann hat man mich am Arsch. Das ist vorsätzlich und heimtückisch, also Mord, und ich wandere ins Gefängnis. Lebenslang, das heißt mindestens dreiundzwanzig Jahre. Die Kinder kriegen alles und, falls ich mit über siebzig lebend rauskomme, werde ein altes, verarmtes Wrack sein.“

Pepe schwieg und qualmte heftig weiter.

Nach einer Weile meinte er: „Das müsste man viel genauer planen und intelligenter lösen, um davonzukommen.“

„Aha!“, sagte ich. Ich bemerkte, dass meine Zunge schwer wurde. Der Wein zeigte Wirkung. „Da hast du also schon darüber nachgedacht.“

Pepe stieß mir erneut seinen Ellbogen in die Seite und ich hörte ihn kichern. „Natürlich!“

„Ich höre.“


Der Rest Wein gluckerte in unsere Gläser und Pepe brachte die leere Flasche zu einem Abfallbehälter, der in der Nähe der Bank stand. Dann setzte er sich wieder.

„Wenn man es richtig macht, ist es totsicher und man kommt mit einer geringen Strafe davon, besser noch mit einem Aufenthalt im Bezirksklinikum.“

„Und wie funktioniert das?“

„Einen lautstarken Streit vom Zaun zu brechen fällt mir nicht schwer, vor allem, wenn die Fenster geöffnet sind. Ich schreie mehrfach laut … tu das Messer weg, Ulla! und steche zwanzigmal planlos auf meine Alte ein, wobei nur zwei Stiche tödlich sind. Anschließend renne ich auf die Straße, rufe panisch um Hilfe, heule, werfe mich auf den Boden, schreie den ersten an, der sich nähert, …hol einen Arzt, schnell, bitte, meine Frau blutet so! werde dann plötzlich ganz still, sitze wie angewachsen auf dem Boden, rühre mich nicht mehr, erscheine völlig apathisch und reagiere auf nichts, auf rein gar nicht mehr. Die Schnittwunden an meiner Hand bluten und ich zeige kein Schmerzempfinden, wenn sie der Rettungssanitäter verbindet.“

„Und wenn die Polizei dich fragt, was passiert ist?“, wollte ich wissen.

„Nichts. Ich sage nichts, mache nichts, sitze nur da und starre irgendwo hin. Tagelang lass ich ohne Reaktion alles mit mir geschehen. Ich pinkle und scheiße in die Hose. Man legt mir Windeln an, man füttert mich und ich trinke nur, wenn man mir die Schnabeltasse an den Mund setzt. Das Gericht teilt mir einen Pflichtverteidiger zu und wenn der mich aufsucht, flüstere ich nur einen Satz …ich will in die Kirche, um Vergebung meiner Sünden bitten. Irgendwann kommt ein Pfarrer und redet mit mir, aber nach ein paar einseitigen Gesprächen will ich ihn nicht mehr sehen. Gott ist böse, weil er das Unheil hat geschehen lassen. Das ist mein Argument.“

„Toll“, meinte ich. „Du wirst dir tatsächlich so richtig in die Windeln machen.“

„Klar“, kicherte Pepe. „Das gehört dazu.“

Wir waren jetzt beide schön betrunken. Die Zigarren waren aufgeraucht und wir drückten sie aus. Der bittere Geschmack des Tabaks füllte meinen Mund.

„Und dann“, fragte ich. „Was erzählst du Ermittlern bei den Vernehmungen?“

„Ich weiß nur noch, dass Ulla ein Messer in der Hand hatte und ich es ihr wegnehmen wollte. Weiter nichts mehr. Ich breche vor den Augen der Ermittler zusammen, stammle sinnlose Sätze, mach mir wieder in die Hose.

„Was passiert dann?“

„Ein Arzt untersucht mich und man verlegt mich aus der U-Haft ins Bezirksklinikum, in die geschlossene Abteilung. Dort fange ich an, Bücher über den Buddhismus zu lesen und konvertiere. Ich trage einen safranfarbenen Umhang, rasiere mir eine Glatze und murmle eintönig …om mani padme hum. Ich bin der freundlichste aller Insassen und erzähle den Psychologen und Ärzten, dass ich endlich meinen Frieden gefunden habe.“

„Und man verurteilt dich nicht wegen Mordes?“

„Nee. Den kann man mir nicht beweisen. Ullas Fingerabdrücke sind auf dem Messer. Ich habe passende Schnittwunden an meiner Linken und …“

„Wieso an deiner Linken?“

„Ulla ist Rechtshänderin, sie stand mir gegenüber und da musste ich mit Links versuchen, ihr das Messer wegzunehmen. Daher die Schnitte in der linken Handfläche. Und plötzlich hatte ich das Messer in der Hand – dann der Filmriss.“

„Und wie fällt das Urteil aus?“

„Der Richter verurteilt mich nach § 213 Minder schwerer Fall des Totschlags. Ich bekomme mindestens ein Jahr, achtzehn Monate sind wahrscheinlich. Die U-Haft und die Unterbringung in der Geschlossenen werden angerechnet und der Rest der Strafe wird mir auf Bewährung erlassen. Ich verliere zwar meine Zulassung als Anwalt, bekomme sie aber nach zwei Jahren zurück. Bis dahin arbeite ich in einer befreundeten Kanzlei als angestellter Sachbearbeiter. Danach sehen wir weiter.“

Pepe erhob sich. Er schwankte wie eine Pappel im Sturm, obwohl kein Windhauch ging.

„Der Wein ist alle. Gehen wir schlafen“, schlug er vor.

Unsere Zimmer lagen nebeneinander. Bevor wir hineingingen, meinte Pepe: „Das war alles sehr hypothetisch. Und unsere Hypothesen gehen andere Leute nichts an.“

„Klar, Pepe. Nur Hypothesen und Gespräche unter alten Saufkumpanen. Bleibt alles unter uns.“

In der Nacht träumte ich von einem fürchterlichen Gemetzel. Pepe, gekleidet in safranfarbenem Sportzeug, stach unablässig auf eine Frau ohne Gesicht ein und murmelte dabei verzückt „Om mani padme hum“.


Die nächsten drei Monate sahen wir uns nicht mehr, weil ich beruflich im Ausland unterwegs war. Anfang September fanden die Neuwahlen des Präsidiums statt und zum Erstaunen aller kandidierte Pepe nicht mehr als Präsident. Die Flüchtlingswelle rollte über Deutschland hinweg und Pepe übernahm zunehmen die Verteidigung von tschetschenischen Flüchtlingen, die abgeschoben werden sollten. Er hatte einfach keine Zeit mehr für die Verbandsarbeit, zumal seine Mutter schwerkrank in einem Pflegeheim untergebracht war und er sich um das Elternhaus und den anderen Besitz kümmern musste.


Die Nachricht traf uns alle völlig unvorbereitet und löste sprachloses Entsetzen aus.

„Der bekannte Flüchtlingsverteidiger Sch. erschießt seine Frau. Nach der Tat lässt sich er sich anstandslos festnehmen. Über die Hintergründe der Tat hüllt sich die Polizei in Schweigen ...“

So stand es in der Süddeutschen und allen anderen bayerischen Zeitungen und in den lokalen Fernsehnachrichten war das Familiendrama tagelang das Thema Nummer eins.

Langsam kristallisierte sich heraus, was passiert war: Pepe war früher als erwartet nach Hause gekommen und hatte seine Frau in flagranti mit einem Mann erwischt. Als Pepe auf Ullas Lover losging, bedrohte sie ihn mit ihrer legalen Waffe, die sie in der Nachttischschublade aufbewahrte, damit der Mann aus dem Fenster türmen konnte.

Als Pepe versuchte, ihr die Waffe zu entreißen, schoss sie auf ihn und die Kugel durchschlug seinen Oberschenkelmuskel. Was dann genau passierte, konnte nie geklärt werden. Pepe hatte plötzlich die Waffe in der Hand, ballerte das Magazin leer, traf Ulla viermal und stanzte eine Menge Löcher in das Ehebett. Dann lief er schreiend auf die Straße, rief panisch um Hilfe und …

Das alles kam mir sehr bekannt vor.

Pepe landete in der Geschlossenen und erschien in der Kleidung buddhistischer Mönche zur Verhandlung. Das Gericht verurteilte ihn zu sechzehn Monaten Haft, rechnete die dreizehnmonatige U-Haft einschließlich der Unterbringung in der Geschlossenen an und setzte die restliche Strafe zur Bewährung aus. Er verlor seine Zulassung als Anwalt, was ihm aber nichts ausmachte, weil ihm seine Mutter sieben Häuser mit insgesamt zweiundzwanzig Mietwohnungen und einen hohen sechsstelligen Geldbetrag hinterlassen hatte.

In einem Teil der Wohnungen sind jetzt Flüchtlinge untergebracht und man sagt, Pepe verdiene mehr als gut an den neuen Mietern.


Gestern haben wir uns kurz gesehen. Ich stand an einer Fußgängerampel und wartete auf Grün, als Pepe in einem Mercedes-Cabriolet langsam an mir vorbeirollte. Er paffte eine dicke Zigarre und neben ihm saß eine hübsche, junge Blonde, Typ Volleyballspielerin. Pepe hupte und winkte mir zu.

Ich winkte zurück, während mir der Duft einer Havanna in die Nase stieg.

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