Mörderische Weihnachten

Aktualisiert: Jan 23

Schweigend fuhren sie nach ihrem Wochenend-Workout im Fitnessstudio heim. Schweigend. Wie meistens. Seit Monaten schon schwiegen sie sich an.

Wie an jedem Samstag gab es einen Stau auf der Nibelungenbrücke. Er schaute nach vorne auf die Straße, konzentrierte sich auf den Verkehr, während sie aus dem Seitenfenster des Wagens starrte, so als wolle sie die Regentropfen zählen, die an der Scheibe entlangliefen. Ein Kreuzfahrtschiff fuhr flussabwärts und sie überlegte, was man bei diesem Wetter auf dem Schiff unternehmen konnte.


Zu Hause, in Neutraubling, trocknete er das Auto ab, sie warf die Sportsachen in die Waschmaschine. Später tranken sie Tee miteinander und aßen die ersten Weihnachtsplätzchen. Die Frau versuchte es.

Sie: „Wie schmecken die Kokosplätzchen?“

Er: „Im letzten Jahr waren sie besser, irgendwie weicher.“

Sie (leicht beleidigt): „Die habe ich auch erst gestern gebacken. Sie müssen noch ein paar Tage liegen.“

Er: „Aha. Dann lass sie doch liegen.“

Eine längere Pause.

Er: „Ich gehe nach oben. Muss noch ein paar Sachen für die Firma erledigen.“

Sie: „Ist das notwendig? Am Samstagnachmittag?“

Er: „Ist notwendig. Gibt viel zu tun vor Weihnachten.“

Sie blickte ihm nicht nach, als er die Treppe hochstieg zu seinem Büro. Er nannte es sein Reich.

„Martin, du bist ein Arschloch!“, dachte Regina. „Und ich hasse dich!“


Martin Neumann saß auf seinem ultramodernen Schreibtischsessel, hatte die Füße auf den Schreibtisch gelegt, dachte an das heutige Training und schüttelte den Kopf.

„Wie kannst du dich bloß so anziehen?“, fluchte er lautlos. „Dein Arsch ist zu dick geworden und trotzdem trägst du immer diese hautengen, neonbunten Leggins. Unmöglich von dir! Alle Männer im Studio glotzen auf dein Hinterteil, wenn du auf dem Bike sitzt und wie wild strampelst. Heute hast du nur den dünnen BH angehabt und das Shirt mit dem tiefen Ausschnitt. Und deine Möpse sind von links nach rechts geschaukelt. Jeder hat dich angestarrt. Was in den Kopfkinos dieser geilen Typen vorging, kann ich mir deutlich vorstellen. Und so willst du wohl diesem Tim imponieren. Dieser dumpfe Typ mit seinem Pferdeschwanz, den aufgeblasenen Muskelpaketen und der künstlichen Solarbräune. Du bist viel zu alt für ihn, Regina. Das vergisst du immer wieder. Denn der mag, so hat er es mir mal gesagt, diese jungen, hübschen Dinger mit ihren Knackärschen und festen Titten, die immer montags und am Donnerstag sich im Aerobic-Kurs auspowern. Da sind verdammt hübsche Käfer dabei, hat er mir mal augenzwinkernd zugeflüstert.“

Seine Wut wuchs. „Und auch wenn du es nicht wahrhaben willst, Regina, du bist fünfunddreißig. Bist weder jung, noch hast du einen Knackarsch und von festen Titten wollen wir gar nicht reden.“

Morgen war der erste Advent. Martin hasste die Adventszeit. Überall im Haus gab es kitschige Weihnachtsdekorationen: Kleine, grinsende Nikoläuse mit beleuchteten Mützen, blinkende Sternchen, künstliche Kerzen mit LEDs und Ketten von farbigen Lämpchen über den Türen und in der Tanne vor dem Haus – alles Made in China.

Und dann diese Plätzchen! Regina wusste genau, er mochte keinen Kokosgeschmack, hasste Zuckerguss und der Dresdner Stollen blieb ihm im wahrsten Sinn des Wortes im Hals stecken. Das, was er mochte, backte sie nicht: Plätzchen mit dunkler Schokolade. So wie sie seine Mutter immer gebacken hatte. Als sie noch lebte.

Und nach viermal Advent kam Weihnachten. Weihnachten war der Gipfel aller abscheulichen Festtage. („Frohe Weihnachten, Liebling. Hier ist dein Geschenk. Ich hoffe, es gefällt dir!“)

Dann musste Martin auspacken und so tun, als freue er sich über die rote Strickweste mit dem Zopfmuster („Das Muster ist dieses Jahr total angesagt, Martin.“), die fürs Büro viel zu warm war. Das war im letzten Jahr. Was mochte es dieses Jahr sein?

Dann wird sie ihr Geschenk auspacken: Die dritte Goldkette mit den passenden Ohrringen in fünf Jahren. Regina hatte sie beim Juwelier am Neupfarrplatz entdeckt („Schatz, schaut das Ensemble nicht schick aus?“). Knappe viertausend hatte er dafür geblecht.

An jedem Heiligen Abend tranken sie zu viel, um Mitternacht stritten sie sich und er schlief in seinem Büro auf der Couch.

Jedes Jahr das Gleiche. Zum Kotzen!

Martin hob seine Beine vom Schreibtisch, setzte sich gerade hin.

„Das muss ein Ende haben!“, murmelte er. „Jetzt, noch in diesem Jahr.“

Er angelte sich sein Telefon und rief seinen Bruder Ben an. Der arbeitete bei der Kripo Regensburg, war chronisch blank, hatte eine Menge Schulden bei ihm und war ihm noch einige Gefallen schuldig.

Mit der Antwort ließ sich Ben Zeit. „Wenn man mich erwischt, wirft man mich raus. Steh sowieso unter Aufsicht.“

„Wie sollen man das rauskriegen? Du rufst ganz legal die Daten auf, schreibst sie ab – auf keinen Fall kopieren! Dann gibst du sie mir.“

„Das sagst du so leicht.“

„Denk daran. Du hast immer noch dreißigtausend Schulden bei. Sind eigentlich bis Silvester fällig.“

Als Ben nicht sofort antwortete, ließ ihn Martin sein Angebot hören: „Wir verlängern den Kredit um ein Jahr, zinslos natürlich, und ich erlasse dir zehn Prozent.“

Ein paar Tage später erhielt Martin, das von seinem Bruder, was er gewollt hatte.


Timur Nikotoy hatte man nie etwas Großes nachweisen können. Zwei Bewährungsstrafen wegen Drogenbesitz, ein paar Geldstrafen wegen Verkehrsverstößen, sechs Monate Knast wegen einer Körperverletzung. Das Studio gehörte seiner Schwester. Er hatte Privatinsolvenz angemeldet und bezog ein kärgliches Gehalt. Bei ihm war nichts zu holen. Der SUV, den er fuhr, gehörte seiner Schwester, die Wohnung in der er lebte … nun, alles gehörte seiner Schwester. Die wohnte in Kiew, wurde in Deutschland von einer Steuerkanzlei vertreten und kein Betriebsprüfer hatte bisher etwas zu bemängeln gehabt.

Dass man gegen Nikotoy wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge, Drogenhandel, Erpressung und anderen Delikten ermittelte, ließ ihn kalt. Seine Alibis waren wasserfest, seine Rechtsanwälte ließen die Bullen immer alt aussehen.

„Aber“, so hatte Ben seinem Bruder beim letzten Treffen zugeflüstert, „jetzt kriegen wir ihn. Wenn er die nächste Lieferung Anabolika erhält, wir gehen von einer Million Ampullen aus, greifen wir zu. Die Kollegen in der Ukraine haben von uns einhundert Schutzwesten der vierten Generation erhalten und wir bekommen unter der Hand die Information, wenn die Lieferung Kiew verlässt.“


„Tim, ich muss mit dir reden. Nach 22.00 Uhr. Geschäftlich.“

Der band gerade seine schwarzen, schulterlangen Haare zu seinem Markenzeichen, dem Pferdeschwanz, zusammen.

„Gute Geschäfte mache ich immer gern.“

Nachdem Martin sich ausgepowert und geduscht hatte, saßen die beiden Männer in Tims Büro und tranken Mineraldrinks.

„Um welches Geschäft geht es?“ Tim starrte Martin an.

Der holte tief Luft und erklärte es dem Bodybuilder.

Der Tschetschene antwortete erst einmal gar nicht. Sein Gesicht blieb völlig ausdruckslos, als er etwas auf ein Blatt Papier schrieb und es seinem Gegenüber unter die Nase hielt:

Maul halten

aufstehen

Hände ausstrecken

Martin tat, was auf dem Blatt Papier stand und ließ sich abtasten.

Timur schien zufrieden zu sein und setzte sich wieder.

„Wie kommst du darauf, dass ich bereit bin, für dreißigtausend deine Alte umzulegen?“

„Mein Bruder ist ein Bulle und er hat ein paar Sachen über dich ausgeplaudert. Ich weiß, was die gegen dich in der Hand haben und was sie planen. Ich kann dich rechtzeitig warnen und deine Weste bleibt sauber. Übrigens: Sei vorsichtig bei der nächsten Lieferung aus der Ukraine.“

Dass Martin von der anstehenden Lieferung wusste, gab Timur zu denken.

Eine Stunde später waren sie sich einig und zehntausend wechselten als Anzahlung den Besitzer.


Der Heilige Abend war da.

„Frohe Weihnachten, Martin!“

„Dir auch, Regina.“

Küsschen auf die Wangen.

Sie stellte die Gläser auf den Tisch, während er die erste Flasche Schampus öffnete. Die Lichterketten am Christbaum blinkten in allen Farben und die Geschenke lagen, noch sauber verpackt, unter der Nordmanntanne. Der Korken ploppte aus der Flasche. Das Telefon klingelte.

„Ich gehe rüber ins Gästezimmer, ist bestimmt der Chef“, sagte Martin, „schütte du den Schampus ein.“

Als Martin zurückkam, wirkte er erschrocken und fahrig.

„Ben ist gestürzt und liegt zu Hause auf dem Boden. Er scheint etwas viel getrunken zu haben. Ich fahre schnell zu ihm hin und schau was los ist. Bin in ein bis zwei Stunden wieder da.“

Noch ehe Regina antworten konnte, verschwand ihr Mann und sie hörte die Wohnungstür ins Schloss fallen. Sie trank ihr Glas leer und griff nach ihrem Handy.

Vom Auto aus rief Martin Ben an. „Danke für den Anruf, großer Bruder.“

„Gerne geschehen, Bruderherz.“

Im Hintergrund kicherte eine Frau.


Auf dem Parkplatz vor der einfachen Pension stand nur ein Wagen. Martin kannte ihn. Er gehörte Yulia, die bereits im Zimmer auf ihn wartete. Dreimal in der Woche trafen sie sich hier. Weil es Weihnachten war, zahlte er ihr heute vierhundert. Nicht schlecht für ein Schäferstündchen.

Als sie eine gute Stunde später verschwunden war, ging Martin unter die Dusche und zog sich an. Leise verließ er das Gebäude und zog die Tür hinter sich ins Schloss. Ein Blick nach allen Seiten: Niemand war zu sehen. Wer sollte auch am Heiligen Abend bei dem Scheißwetter hier rumlaufen?

Martin rannte zu seinem Auto und stieg ein. Noch bevor er die Fahrertür zuziehen konnte, tauchte eine schwarze Gestalt neben dem Wagen auf und riss ihm die Tür aus der Hand.

Grinsend beugte sich Timur zu ihm runter.

„Was machst du denn hier, Tim?“, fragte Martin völlig entgeistert.

„Ich soll dir schöne Grüße von deiner Frau bestellen. Sie wird Weihnachten mit mir feiern.“

Er richtete eine Pistole auf Martin und schoss ihm zweimal in den Kopf.


Regina wartete bereits auf Timur. „Hast du den Wagen in die Garage gestellt und das Tor zugemacht, Tim?“, fragte sie.

„Klar. Wie abgemacht.“

Ihre Wangen waren gerötet. „Komm, mein Starker. Der Champagner steht im Schlafzimmer.“

Sie nahm seine Hand und zog ihn hinter sich her.

Dass jemand ihm auf dem Weg zum Haus der Neumanns gefolgt war, hatte Timur Nikotoy nicht bemerkt. Er hatte andere Dinge im Kopf: Zehntausend von Martin und vierzigtausend von Regina machten zusammen fünfzigtausend. Leicht verdientes Geld. Und dann wartete Regina noch auf ihn. Quasi wie ein Sahnehäubchen auf der Nachspeise. Er war schon lange scharf auf ihren Arsch und ihre Titten.


Drei Tage später. Ein Mann kam kurz vor Mittag, ohne anzuklopfen, in das Büro des Fitnessstudios.

„Polizei!“ Er hielt Yulia seinen Ausweis unter die Nase. „Holen Sie Herrn Nikotoy!“

„Der hat keine Zeit, hält gerade einen Kurs. Ist hinten im Gymnastikraum.“

„Wenn Sie ihn nicht sofort herholen, lass ich Ihre Aufenthaltserlaubnis und Ihren Arbeitsvertrag überprüfen.“

Yulia verschwand blitzartig.

Ben schaute sich um und erblickte auf der Fensterbank mehrere Haargummis und eine Bürste, in der schwarze Haare hingen. Er zog ein paar Haare heraus.

Kurz darauf erschien Nikotoy. „Hallo. Mein Name ist Timur Nikotoy. Ich bin der Geschäftsführer. Wie kann ich Ihnen helfen?“

Der eiskalte Blick seiner Augen strafte den höflichen Worten Lügen.

Ben zückte seinen Ausweis. „Herr Nikotoy. Was haben Sie am Heiligen Abend zwischen 19.00 Uhr und 24.00 Uhr gemacht?“

Nikotoy grinste verächtlich. „Ohne meinen Anwalt rede ich nicht mit Bullen.“

„Das ist Ihr gutes Recht. Ich erwarte Sie um 14.00 Uhr im Präsidium. Sie und Ihr Anwalt wissen ja, wo das liegt.“

Oberkommissar Ben Neumann lächelte freundlich, deutete eine Verbeugung an und klopfte auf die Tasche seines Mantels. Die kleine Papiertüte, die sich darin befand, knisterte.


Zwei Tage nach der ersten Vernehmung wurden Timur Nikotoy und die trauernde Witwe verhaftet. Er wegen Mordes an Martin Neumann und dessen Frau wegen Beihilfe zum Mord.

Die Kripo hatte Haare von Nikotoy im Wagen des Opfers und im Schlafzimmer des Ehepaars Neumann gefunden. Außerdem passten die Reifenspuren in der Garage zu Nikotoys SUV und im Fitnessstudio entdeckte man hinter einer verborgenen Tür über dreißigtausend Ampullen Anabolika und eine Pistole, eine russische Makarow. Die ballistische Untersuchung ergab eindeutig, dass Martin Neumann mit dieser Waffe erschossen worden war.


Im Februar kam der erhoffte Brief vom Nachlassgericht.

„Ich habe geahnt, was du vorhattest, als du die Informationen über Nikotoy haben wolltest“, dachte Ben, während er den Umschlag öffnete.

Auf dem Blatt Papier stand schwarz auf weiß, er war der einzige Verwandte seines Bruders und der Alleinerbe.

„Das mit der Gütertrennung war eine erstklassige Idee, Bruderherz. Mal gut, dass du damals auf mich gehört hast. Ich habe schon immer gewusst, dass Regina ein Luder ist.“

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