DIN-Geschichten (4)

Die Talstraße


Wenn es im Winter, nach vorherigen Regenfällen, plötzlich kalt wurde, gefror das Wasser in den großen Pfützen auf der geschotterten Talstraße und wir Kinder konnten „schlindern“, also auf dem Eis rutschen. Nach einem kurzen Anlauf versuchten wir, möglichst weit zu kommen. Am besten rutschte man mit „Klompen“, also mit holländischen Holzschuhen, die in einem Stück aus Pappelholz gefertigt wurden. Gummistiefel und Schuhe mit Gummisohlen rutschten natürlich schlechter als die Klompen. Ledersohlen rutschten auch gut, aber die besaßen nur Sonntagsschuhe und es war mir strengstens verboten, mit Sonntagsschuhen zu spielen, auf dem Eis zu rutschen oder gegen einen Fußball zu treten!

Die Straße war nicht sehr lang. Wir hatten als letztes Haus die Nummer 33, also gab es auf der linken Seite maximal siebzehn und rechts sechzehn Häuser. Ganz vorne, an der Kreuzung zur Hünxer Straße, stand ein großes Eckgebäude, in dem sich eine Schlosserei mit Schmiede und ein dazugehöriges Geschäft befanden, in dem Eisenwaren, Porzellan und Haushaltswaren verkauft wurden. Der Eingang zur Schmiede lag auf der Talstraße, der Eingang zum Geschäft auf der Hünxer Straße. Oft schauten wir Kinder zu der Schlosserei hinüber, in der Männer mit Lederschürzen an einem Ofen hantierten und mit Hämmern auf glühendes Eisen schlugen, wobei die Funken nur so flogen. Kindern war der Zutritt strengstens untersagt und wir hätten uns auch nicht getraut, dort hinzugehen.

Neben der Schlosserei befand sich ein Kolonialwaren-Laden (kurz: Laden), in dem es alles das gab, was die Hausfrau damals benötigte: Brot, Käse, Wurst, Butter … Fast alle Lebensmittel, bis auf Konserven, waren unverpackt und wurden im Geschäft von den Verkäuferinnen abgewogen. Auch Margarine und Butter kamen in großen Stangen und wenn man ein halbes Pfund „gute Butter“ kaufte, erhielt man ein oder mehrere Stücke von einer großen Butterstange, eingewickelt in Fettpapier. Mehl, Zucker und ähnliche Dinge kamen in runde Papiertüten, die unten spitz zuliefen und beim Wiegen in einer Halterung an der Waage steckten. Die Verkäuferin holte das Gewünschte mit einem großen, eckigen Schöpflöffel aus einem Sack und schüttete sorgfältig so viel von der Ware in die Papiertüte, bis das bestellte Gewicht erreicht war. Ein großes Holzfass war voller Salzheringe, die in einer stinkenden Salzlake schwammen. Wenn ich Heringe kaufen musste, bekam ich einen Tontopf mit Deckel mit, der mir sehr schwer vorkam. In ihn kamen ein paar dieser Fische, die ich schnell nach Hause brachte. Mein Vater legte die Heringe in Leitungswasser, sie wurden „gewässert“, damit sie nicht mehr so salzig schmeckten. Nach einiger Zeit trocknete er sie ab, wälzte sie in Mehl und briet sie draußen im Hof auf einer Platte, weil sonst das Haus tagelang nach gebratenem Fisch stank. Die gebratenen Heringe kamen in einen Essigsud (mit vielen Zwiebeln und Gewürzen), in dem sie einige Zeit blieben. Dann gab Bratkartoffeln und Brathering zum Mittagessen.

Einmal fand ich im Graben rechts der Straße einen Zweimark-Schein (Die gab es wirklich.). Mit dem gingen wir Kinder zum Laden und ich bestellte Himbeerbonbons. Die befanden sich, neben anderen Süßigkeiten, in einem großen Glas auf der Verkaufstheke. Die Himbeerbonbons mochte ich am liebsten. Manchmal bekam ich beim Einkauf von einer Verkäuferin eins dieser Bonbons geschenkt. Es schmeckte köstlich! Ich legte also den Schein auf die Theke, zeigte auf das Glas und bestellte: „Die da.“ Die Verkäuferin schaute mich an und fragte: „Für zwei Mark?“ Ich nickte. Sie nahm den Schöpflöffel und zählte zweihundert Bonbons ab. Die Papiertüte war bis oben voll und wir Kinder zogen selig von dannen. Am Abend litten wir alle unter Bauchschmerzen.

Dann begannen Bauarbeiter, auf den Wiesen am Ende der Straße, Häuser zu errichten. Wohnraum wurde in meiner Heimatstadt, wie im gesamten Ruhrgebiet, dringend benötigt. Viele Häuser waren im Krieg zerstört worden, Aussiedler aus dem Osten kamen in die Stadt und die wachsende Industrie, vor allem die Zeche im Stadtteil Lohberg, benötigten Wohnraum für ihre Arbeiter und deren Familien. Für uns Kinder waren die Baustellen ein Abenteuerspielplatz. Wurde dort gearbeitet, scheuchte man uns natürlich sofort weg. Aber am Wochenende trieben wir uns zwischen den Rohbauten herum. Doch dort gab es Wächter. Es waren in der Regel Kriegsversehrte, Männer, denen ein Arm oder ein Bein fehlte. Sie hausten in Kellerräumen und mussten aufpassen, dass niemand auf die Baustellen kam und etwas stahl. Die Wächter besaßen alle Hunde, die laut bellten, wenn man dort umherlief. Wir fanden schnell heraus, dass die Wächter die Hunde niemals frei laufen ließen und wir ohne Gefahr Holzstücke aufsammeln konnten, die man zum Beheizen des Badeofens nutzte.

Als die ersten Leute ihre Wohnungen in den neuen Häusern bezogen, wurde die Talstraße in die neue Siedlung hinein verlängert und asphaltiert.

Vor einiger Zeit habe ich mich in der Talstraße umgesehen. Ich erkannte nichts mehr. Das ehemalige Haus meiner Großeltern identifizierte ich nur anhand der Hausnummer. Im Garten hinter dem Haus steht heute ein weiteres Wohngebäude. Ich blickte von der anderen Straßenseite hinüber auf die Hausnummer 33 und fühlte mich irgendwie verloren oder … völlig fremd. Meine Idee, an der Haustür des Hauses zu klingeln und zu sagen, mein Name ist Rolf Sloet, ich wurde in diesem Haus geboren, verwarf ich wieder. Sicherlich würden die jetzigen Bewohner mit meinem Namen nichts anfangen können und mich verständnislos anschauen. Woher sollten sie mich auch kennen? Da wurde mir bewusst, wenn die Realität nicht mehr mit den Erinnerungen übereinstimmt, geht ein Teil der Identität eines Menschen verloren.

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