DIN-Geschichten (3) Das Haus in der Talstraße

Das Haus, in dem ich geboren wurde, gehörte den Eltern meines Vaters. Die wohnten im Erdgeschoss, in einer Wohnung mit drei winzigen Zimmern. Ein Bad gab es nicht. Man wusch sich in der Wohnstube; dort befand sich ein emailliertes Waschbecken mit einem Wasserhahn. Kaltes Wasser natürlich, von fließendem Warmwasser konnte man kurz nach dem Krieg nur träumen.


Neben der Wohnung, verbunden durch einen Gang, befand sich in einem Anbau die Waschküche. Dort stand ein großer Bottich, der mit Holz beheizt wurde und heißes Wasser für das samstägliche Bad lieferte. Die freistehende Wanne aus verzinktem Blech wurde in die Mitte des Raums, genau über den Wasserablauf, gestellt; das heiße Wasser goss man mit einem Eimer in die Wanne, gleichzeitig kam kaltes Wasser hinzu, bis die Temperatur passte. Nach dem Bad zog man den Stöpsel heraus und das Wasser lief in den Abfluss. In der Waschküche standen noch eine Waschmaschine und eine Mangel, die auf einer Holzplatte aufgeschraubt war. Die stellte man zum Mangeln auf den Waschmaschinenbottich. Die Waschmaschine wurde von Hand betätigt. Mein Vater musste einen Hebel abwechselnd mit Links und Rechts hin- und herbewegen und im Waschbottich rührten eine Art Paddel die Wäsche im heißen Wasser durch. Das war Schwerstarbeit, denn mein Vater war hinterher immer fix und fertig und erhielt als Belohnung eine Flasche Bier. Die Frauen, meine Oma und meine Mutter, holten anschließend die nassen Sachen aus dem Waschbottich, wrangen sie aus und drehte sie durch die Walzen der Mangel, die das meiste Wasser aus den Sachen presste. Die Wäsche wurde im Garten auf Leinen gehängt, die zwischen zwei Wäschestangen gespannt waren. Die Wäscheklammern waren aus Holz. Bunte Wäscheklammern aus Kunststoff kannte man damals nicht.

Später schraubte mein Vater einen Elektromotor seitlich an die Waschmaschine, der über einen Riemen die Paddel antrieb. Das war sehr fortschrittlich und eine große Arbeitserleichterung!


Im Haus gab es zwei Toiletten, eine im ersten Stock, die andere unten neben der Waschküche. Das Toilettenpapier bestand aus zugeschnittenen Zeitungen. Diese Arbeit erledigte akribisch mein Großvater. Jedes Stück Papier war genauso groß wie alle anderen und die Kanten hatte er sauber und exakt mit der Schere geschnitten. Die Plumpsklos spülte man mit Wasser, das in Eimern in den kleinen Räumen stand. Wehe, ich vergaß nach dem Toilettengang, den Deckel ordentlich auf das Loch zu legen, dann stank es draußen auf dem Gang und ich bekam Schimpfe.

Alle Abwässer aus dem Haus landeten in der betonierten Jauchegrube (Odelgrube) im Garten, die sorgfältig mit großen Blechen und Holzplanken abgedeckt wurde. Immer wieder kam es vor, dass kleine Kinder in eine Jauchegrube fielen und dort an den Gasen starben oder in der Brühe ertranken. Die flüssigen Bestandteile der Jauche wurden zum Düngen im Garten genutzt, die festen Bestandteile einmal im Jahr durch einen Pumpenwagen abgesaugt und fortgebracht. Man benutzte eine lange Holzstange, an der unten ein eimerartiger Behälter mit einem Ausgießer angebracht war. Im Herbst wurde die Jauche auf den frisch umgegrabenen Beeten verteilt, was dann dementsprechend stank. Es beschwerte sich aber nie Nachbar, denn er machte ja das gleiche in seinem Garten. Manchmal sprach man sich auch ab und jauchte am gleichen Tag. Die Frauen passten natürlich auf und hingen keine Wäsche auf die Leine, während gejaucht wurde. Dass bis weit in die Fünfziger hinein die meisten Kinder irgendwann unter Wurmbefall litten, war kein Wunder.


Im ersten Stock des Hauses lebte ich mit meinen Eltern in zwei winzigen Zimmern: Wohnstube und Schlafzimmer. Nebenan, in einem weiteren kleinen Raum, wohnte eine Kriegswitwe, Frau Pollmann, die ausschließlich schwarzer Kleidung trug, soweit ich mich erinnern kann. Zu ihr kam ein Kostgänger, der Josef hieß. Der Maurer erschien abends und am Sonntag immer zum Essen und zahlte dafür der Witwe Geld, das sie dringend benötigte. Er wohnte in der Nähe im Anbau eines kleinen Hauses und besaß keine Möglichkeit, sich etwas zu kochen oder seine Wäsche zu waschen. Das erledigte Frau Pollmann für ihn. Sie wusch auch seine Leibwäsche, wie man es damals nannte. Die kam in einen großen Topf, der auf den Kohleherd gestellt wurde und dann kochte die Wäsche einige Zeit vor sich hin. Zum Waschmittel kam eine Art Bleiche hinzu, die dazu diente, dass die Wäsche weiß wurde. Später schleppte die alte Frau den Topf in die Waschküche, wo sie ihn ausleerte und die Wäsche mehrfach mit klarem Wasser spülte. War das Wetter gut, kam die Wäsche draußen auf die Leine, bei schlechtem Wetter wurde sie in der Waschküche getrocknet.

An jedem Sonntag briet Frau Pollmann ihrem Kostgänger ein Kotelett, von dem er nur einen Teil aß. Die Hälfe mit dem Knochen nahm er am Montag mit zur Arbeit und das war für ihn die schöne Brotzeit der Arbeitswoche. Samstags wurde übrigens auch gearbeitet. Man hatte eine 48-Stunden-Woche und war weit entfernt von den heute üblichen achtunddreißig oder vierzig Arbeitsstunden pro Woche.

Frau Pollmann hatte Zucker. Was das bedeutet, wusste ich nicht, wunderte mich als Kind nur, dass die Frau keine Süßigkeiten essen durfte. Manchmal aß sie aber doch ein Stück Kuchen und sagte hinterher: „Ich habe wieder gesündigt“, was sie dann auch in der Kirche beichtete. Frau Pollmann war sehr katholisch. Was „sündigen“ und „beichten“ war, verstand ich nicht. Ich war evangelisch getauft worden.


Als 1954 mein Bruder Wolfgang geboren wurde, war die Wohnung zu klein und mein Vater suchte nach einer größeren, bezahlbaren Wohnung. Ich kam nach Ostern in die 1. Klasse (damals ging das Schuljahr von Ostern bis Ostern) und während der Sommerferien im Jahr 1954 zogen wir um in den Ortsteil Hiesfeld, in eine Dreizimmerwohnung. Sie besaß einen Anbau mit einer festen eingebauten Badewanne und einem Boiler, der mit Holz geheizt wurde, sowie eine Toilette mit Wasserspülung auf dem Gang. Das galt damals als luxuriös.

Dort, auf der Kirchstraße in Hiesfeld, verbrachte ich die schönste Zeit meiner Kindheit.

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