DIN-Geschichten (2)

Erste Erinnerungen


Geboren wurde ich am 13. November 1947 in Dinslaken in der Talstraße 33, im Haus meiner Großeltern. Ich kann mich noch gut an die Straße und das Haus erinnern: Klein und schmal, mit einem der typischen spitzen, steilen Dächer, wie sie in der Vorkriegszeit errichtet wurden. Es lag am linken Ende der Talstraße, die anfangs einen geschotterten Straßenbelag besaß, in dem sich nach Regenfällen große Pfützen bildeten. Am Ende begrenzt durch Weidezäune, war sie anfangs eine Sackgasse; auf den dahinterliegenden Wiesen grasten Kühe. Hinter dem Haus meiner Großeltern zog sich ein langer, schmaler Garten hin, in dem das wuchs, was Familien in der Nachkriegszeit so dringend benötigten: Obst, Gemüse, Kartoffeln und ein paar Beerensträucher - Stachelbeeren, soweit ich mich erinnere. Es gab einen großen Birnbaum, der im Sommer voller Früchte hing, und einen kleinen Pfirsichbaum, der alle zwei oder drei Jahre süße Pfirsiche trug, je nachdem, wie das Wetter in der Zeit der Blüte gewesen war. Ein verregneter Frühling hieß: keine Pfirsiche im Sommer.

Vom Birnbaum fielen im Sommer reife Früchte auf den Boden, die von meiner Großmutter und meiner Mutter aufgelesen, gesäubert, geschält und eingekocht wurden. Ich war vielleicht drei Jahre alt und beobachtete interessiert, wie sich Wespen an dem Fallobst gütig taten. Mich faszinierte alles, was krabbelte und flatterte, und ich versuchte, eine der Wespen zu fangen. Meine Mutter ermahnte mich eindringlich, die Insekten in Ruhe zu lassen, sie würden mich stechen und das täte sehr weh! Anfassen durfte ich die Wespe nicht, also versuchte ich es mit dem großen Zeh (im Sommer lief ich barfuß) und drückte das Insekt auf die Birne. Die Wespe revanchierte sich mit einem Stich und ich fing an zu brüllen. Was lernte ich? Lass die Wespen in Ruhe und hör auf deine Mutter.

Eines Tages begannen Baggerarbeiten auf dem hinteren Teil der Wiesen. Wir Kinder wollen natürlich genau wissen, was sich dort tat und kletterten über den Stacheldrahtzaun. Ich blieb mit der Lederhose irgendwie am Draht hängen und fiel nach vorne, landete mit dem Knie auf einem Stein und zog mir eine gut zwei lange, tiefe und stark blutende Fleischwunde zu. Die Nachbarskinder liefen voran und ich wollte auf keinen Fall nach Hause, um mich verarzten zu lassen. Also das Taschentuch aus der Hosentasche gezogen (Es war zwar benutzt worden, aber nur ein wenig!), fest ums Knie gebunden und den anderen Kindern hinterher. Abends hat meine Mutter die Wunde mit Jod desinfiziert und ein dickes Pflaster draufgeklebt. Das war es. Wegen solch einer Kleinigkeit ist man damals nicht zum Arzt gelaufen. Schimpfe habe ich deshalb bekommen, weil das Taschentuch, die Strümpfe und auch die Lederhose voller Blutflecken waren.

Die Narbe kann man heute noch sehen. Bei einer Knieoperation vor einigen Jahren hat der Operateur einen der Schläuche durch diese Narbe geführt. „Da haben Sie schon eine“, hat er gemeint, „da müssen wir nicht noch eine zusätzliche fabrizieren.“

Wir besaßen auch Haustiere: Mein Großvater Kaninchen (Karnickel am Niederrhein, Stallhasen in Bayern) und wir eine Katze. Unsere Katze war völlig schwarz und hieß darum Mohrle (Von Mohr - damals kümmerte sich niemand um politisch korrekte Begriffe.). Die konnte etwas, was ich nie wieder bei einer Katze gesehen habe. Von unserer Wohnstube aus sah man durch ein kleines Fenster hinaus auf die Wiese. Das Fenster lag in gut fünf Metern Höhe über dem Hof. Mohrle fuhr ihre Krallen aus, kletterte die Hauswand hinauf und saß morgens miauend vor der Scheibe draußen auf der Fensterbank. Dann ließ meine Mutter sie rein und die Katze bekam ihre Frühstücksmilch. Übrigens hießen später unsere Katzen alle Mohrle, egal ob sie schwarz oder andersfarbig waren. Die Kaninchen meines Großvaters erwartet naturgemäß ein trauriges Schicksal. Zu bestimmten Festtagen wurde einer der Mümmelmänner geschlachtet und es gab Kaninchenbraten mit Rotkohl und Klößen. Das Wort Knödel war bei uns nicht gebräuchlich und ich hätte es als Kind gar nicht verstanden. Am liebsten aß ich ein Kaninchenbein, das man so schön abknabbern konnte. Als Kind erhielt ich natürlich nur ein Vorderbein, an dem sich viel weniger Fleisch befand, als an einem Hinterbein. Das meiste Fleisch erhielten damals Männer, denn sie mussten arbeiten. Wenn es bei uns Koteletts gab, zweimal im Monat immer nur sonntags, mussten meine Mutter und ich uns eins teilen, während natürlich ein ganzes auf dem Teller meines Vaters lag.

Süßigkeiten gab es selten, weil am Wochenende Kuchen gebacken wurde. Süßigkeiten waren nämlich nicht gut für die Zähne; das musste ich einsehen. Der Grund war natürlich, dass Schokolade und Co. einfach zu teuer waren und ich sie nur an Feiertagen und zu meinem Geburtstag erhielt. Ersatz war eine Schnitte Brot mit Butter und selbstgemachter Marmelade. Gelegentlich naschte ich mit einem Teelöffel Marmelade aus dem Glas. Das bemerkte meine Mutter und das Glas kam ganz oben auf den Schrank. Aus war es mit dem Naschen.

Zwischen dem Kriegsende 1945 und Anfang 1950 konnte man froh sein, überhaupt eine Wohnung und ausreichend zu essen zu haben.

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