DIN-Geschichten (1) „… und der Mama erzählen wir nichts!“

Wir waren vier Jungen zuhause und ich hatte das Pech, der Älteste zu sein. Wieso Pech, werden Sie sich fragen. Ganz einfach, wenn meine Freunde sich zum Fußballspielen trafen, musste ich immer einen meiner kleineren Brüder mitschleppen und konnte darum nicht mitspielen. „Pass auf den … auf!“, hieß es, wenn wir nach dem Mittagessen loszogen. „Pass auf, dass dein Bruder sich nicht schmutzig macht.“, ermahnte mich meine Mutter. Schmutzig machen, war ganz schlimm. Dann musste Mama die Sachen mit der Hand waschen, denn Waschtag war am Samstag und nur dann wurde die Waschmaschine angeworfen. Und ich musste auch darauf achten, dass mein kleiner Bruder nicht die neuen Schuhe verkratzte. (Wir Kinder trugen immer Schuhe der Marke Salamander; die Firma betrieb eine Schuhfabrik in unserer Heimatstadt.) „Die Schuhe waren teuer“, wurde mir erklärt. „Wenn Papa sieht, dass die Kappen schon verkratzt sind, gibt es Ärger.“ Kleine Jungen stolperten nun mal umher, kickten Steine fort und kletterten irgendwo hoch, was den Schuhen nicht gut tat. Verkratzte Schuhkappen waren meinem Vater ein Ärgernis, besonders, wenn die Schuhe noch fast neu waren. Ich hatte dann nicht aufgepasst und ich bekam Probleme. „Warte, bis der Papa vom Dienst nach Hause kommt!“, drohte meine Mutter. Und abends erhält ich die Quittung: Ein paar saftige Ohrfeigen oder noch schlimmer, eine richtige Tracht Prügel. Ich hatte ja nicht auf meinen Bruder aufgepasst!

Nicht so schlimm waren aufgeschürfte Knie, Schnitte in die Finger, verstauchte Knöchel und blutende Nasen. Das heilte die Natur schon wieder. Wunden wurden mit Jod desinfiziert (tat höllisch weh), blutende Nasen und verstauchte Glieder kühlte meine Mutter mit feuchten Tüchern.

Eines Tages, ich war zehn oder elf Jahre alt, musste ich auf meinen Bruder Wolfgang aufpassen, der sechs Jahre jünger war als ich. Wir liefen über einen Feldweg, der sich zwischen Wiesen dahinschlängelte und ich probierte aus, wie fest die Holzpfosten des Weidezauns noch waren, indem ich daran rüttelte. Ich trug einen Hammer mit mir herum (den hatte ich aus dem Schuppen mitgenommen, obwohl ich das nicht durfte) und als ich einen lockeren Pfosten fand, begann ich, mit dem Hammer darauf zu schlagen. Mein kleiner Bruder, der sich nie stillhalten konnte, stolperte plötzlich und griff nach dem Pfosten, während ich zuschlug. Wolfgang sagte nichts, wurde nur weiß wie eine Wand und schaute entsetzt auf seinen Daumen, der plötzlich doppelt so breit war wir vorher und auch blutete. „Das gibt Ärger zuhause!“, dachte ich mir und wies ihn an: „Steck den Daumen in den Mund … und der Mama erzählen wir nichts!“ Wolfgang nickte nur, saugte an seinem Daumen und die Tränen liefen ihm die Wangen runter.

Natürlich bemerkte meine Mutter den geschwollenen Daumen und ich musste beichten, was passiert war. Heute würden viele Mütter sofort in die Notaufnahme des nächsten Krankenhauses rasen, damals griff man zu Hausmitteln: Jod drauf, zwei Stunden kühlen, einen Verband drumwickeln und eine halbe Schmerztablette vor dem Schlafengehen. Das war es. Zu meiner Erleichterung fiel die Sache mit dem Hammer irgendwie unter den Tisch. Mein Vater meinte nur: „Der Kleine soll nächstens besser aufpassen!“ und damit war die Sache erledigt. Der Daumen heilte wieder und ich ließ von da an den Hammer im Schuppen.

Vor einiger Zeit, bei einem Besuch in meiner Geburtsstadt, meine ich bemerkt zu haben, dass der rechte Daumen meines Bruders breiter ist, als der linke.

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