Die ersten Seiten aus meinem neuen Buch (Leseprobe)

Rolf Peter Sloet

Reise in den Tod – der Henker wartet in Singapur

Der erste Auftrag für Anita Schmöke und Igor Reisch


(Hinweis: Titel steht nicht endgültig fest)


Prolog


Vom Aussehen her hätten die beiden Männer nicht unterschiedlicher sein können. Der ältere, er hieß Bazanka Singh, war ein bulliger, dunkelhäutiger Mann Ende sechzig, mit kurzen, grauen Haaren und einem imposanten weißen Schnurbart. Anders als die meisten Mitglieder seiner Religionsgemeinschaft trug er nicht den Dastar, den Turban der Sikhs, sondern ein Baseball-Cap mit den Emblem seiner Dienststelle. Der jüngere, Lee Suong, war chinesischer Herkunft, schlank und etwas kleiner als Singh. Seine freundlichen, dunkelbraunen Augen bildeten einen angenehmen Kontrast zu seiner erstaunlich hellen Haut. Lee wirkte beweglich und galt unter seinen Kollegen als wissbegierig und strebsam. Er trug kein Baseball-Cap, sondern die vorschriftsmäßige Dienstmütze.

Es waren vier Stufen bis zur Gittertür. Knirschend drehte sich der Schlüssel. Lee, der zum ersten Mal diesen Bereich des Gefängnisses betrat, drückte die Tür auf und ließ den Älteren vorgehen. Als er sie losließ, wurde sie von einer Feder zurückgezogen und fiel mit einem dumpfen, metallischen Knall wieder ins Schloss. An dieses Geräusch konnte man sich anfangs nur schwer gewöhnen. Tag und Nacht hallte es wie ein überdimensionaler Gong in unregelmäßigen Abständen durch die verwinkelten Gänge und Flure des Gefängnisses.

Vor den Männern lag ein kurzer Gang, der von einer weiteren Gittertür begrenzt wurde. Hinter ihr erblickte Lee einen schwarzen Vorhang aus schwerem Stoff. Das grelle, weiße Licht der Neoröhren wurde vom dunkelgrünen Anstrich der Wände, der Decke und des Betonbodens geschluckt und ließ den Gang unheimlich und kalt erscheinen.

Am Ende des Gangs, vor dem Gitter, führten rechts und links Metalltüren in weitere Räume. Die rechte Tür entriegelte der Ältere, indem er einen Code in ein Tastenfeld eingab. Nur er und der Direktor des Gefängnisses kannten diesen Code, sowie die Zahlenkombination für die gegenüberliegende Metalltür und für die Gittertür, hinter der sich der Vorhang befand.

„Sergeant Lee, das ist heute das erste Mal für Sie. Sie bleiben im Hintergrund und beobachten nur. Später, wenn wir alleine sind, werden ich Ihnen alles erklären.“

„Ja, Chief“, war die Antwort von Staff Sergeant Lee.

Normalerweise stand Chief Warrant Officer (CWO) Singh die Anrede „Sir“ zu, aber der hatte Lee angewiesen, ihn mit „Chief“ anzureden. Das war eine Ehre für Lee, denn nur rangniedere Warrant Officers sprachen den dienstältesten und ranghöchsten WO mit „Chief“ an. Mannschafts-, Unteroffiziers- und Feldwebeldienstgrade des Singapore Prison Service mussten das respektvolle „Sir“ nutzen.

Am Vortag war Sergeant Lee kurz vor Dienstende überraschend ins Büro des Direktors beordert worden.

„Setzen Sie sich Lee“, hatte der Direktor gesagt und auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch gedeutet.

„Danke, Sir.“ Lee nahm Platz. Er saß kerzengrade vor seinem Vorgesetzten, mit durchgedrücktem Rücken, beide Hände flach auf den Oberschenkeln, so wie er es in der Ausbildung gelernt hatte. Er bemerkte, wie sich der Schweiß unter seinen Achselhöhlen sammelte. Das war mehr als unangenehm.

„Sitzen Sie bequem, Lee“, meinte der Direktor freundlich und öffnete einen blauen Ordner, dem er ein Formular entnahm.

Lee entspannte sich ein wenig. Die ganze Zeit hatte er krampfhaft überlegt, welcher Fehler ihm unterlaufen war. Er war sich keiner Schuld bewusst. Warum musste er dann im Büro des Direktors erscheinen?

„Sergeant Lee. Im Namen der Republik Singapur befördere ich Sie zum Staff Sergeant. Meinen herzlichen Glückwunsch!“

„Danke, Sir.“ Lee bemerkte, wie seine Ohren heiß wurden, gleichzeitig atmete er tief durch. Die Beförderung kam viel früher, als er sie sich erhofft hatte. Sie bedeutete ein höheres Gehalt und das konnte er als junger Familienvater gut gebrauchen.

„Mit dieser Beförderung kommen neue Aufgaben auf Sie zu. Chief Singh geht in einem Jahr in Pension und Sie werden ihm ab morgen assistieren. Ich habe Sie dem Minister vorgeschlagen und er hat meinen Vorschlag akzeptiert. Wenn wir Chief Singh in den Ruhestand verabschieden, werden Sie sein Nachfolger. Hier ist der Vertrag. Wenn Sie einverstanden sind, unterschreiben Sie hier!“ Der Direktor tippte mit seinem Zeigefinger auf eine Linie unter dem Text und reichte Lee gleichzeitig einen Kugelschreiber.

„Ja, Sir. Sofort, Sir“, sagte Lee und das Blut rauschte in seinen Ohren, während er die Unterschrift unter den Vertrag setzte. Er kam erst gar nicht auf den Gedanken, eine Ablehnung zu erwägen. Wenn der Staat ihm eine Aufgabe übertrug, musste er sie erledigen!

Er würde der neue Henker von Singapur werden.

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