Eine erotische Geschichte: Der letzte richtige Sommer

Aktualisiert: 22. Feb 2019

Die Akte sah aus, wie alle anderen auch: Ein verwaschenes Mittelblau, die Aktendeckel gewellt und abgegriffen, mit Notizen, Flecken und merkwürdigen Zeichen übersät. Ich öffnete sie. Vorne, auf dem Deckblatt, stand in fetten Großbuchstaben §§ 29 ff. BtMG. Darunter waren die Daten des Angeklagten aufgeführt.

Mir kam der Name bekannt vor und ich ahnte sofort, um wen es sich handelte. Das Geburtsdatum bestätigte meinen Verdacht: 24. Dezember 1968. Den Fall wollte ich nicht übernehmen. Ein Kollege musste das tun. Wir würden einfach Verfahren tauschen. Das war üblich unter Richtern. Außerdem war ich der Direktor und es lag in meinem Ermessen, das anzuordnen.

Ich schloss die Akte, schob sie an die Ecke meines Tisches und drehte meinen Stuhl so, dass ich aus dem Fenster schauen konnte. Wir hatten Juli und es regnete draußen. Weder im Juni noch in den beiden ersten Wochen des Julis hatte sich der Sommer durchsetzen können.

Sommer. Würden wir in diesem Jahr noch einen Sommer bekommen? In vier Wochen begann unser Urlaub. Vierzehn Tag in einem Ferienhaus in Jütland; ganz oben im Norden Dänemarks.

Lisa und Noah hatten gemeckert: „Wir wollen in den Süden, nach Italien. In Dänemark ist das Wasser so kalt.“

Helena, meine Frau, würgte die Diskussion ab. So wie es ihre Art war. „Wir haben das Haus gebucht und wir werden fahren. Ende der Diskussion!“

Jetzt waren die Zwillinge beleidigt. So beleidigt, wie Vierzehnjährige nur sein können.


Sommer. Ich erinnerte mich an den August 1987. Es war der letzte richtige Sommer gewesen, an den ich mich erinnerte. Alles, was danach kam, war undeutlich, verschwommen und nicht mehr einzuordnen.

Die erste Juliwoche begann mit dem letzten Leistungsnachweis des Schuljahres. Ein schneller Blick hinüber zu Selina. Sie schien es bemerkt zu, sah mich an und verdrehte ihre Augen. Ich wusste, was das hieß: „Geschichte beim Schuster. Entsetzlich!“

Oberstudienrat Schuster war ein Langweiler, ein Korinthenkacker und unser Klassenleiter. Alle hassten ihn. Aber er machte die Noten und die waren wichtig für das Abi.

„Geschichte beim Schuster. Wie konnte ich bloß so dumm gewesen sein und diesen Leistungskurs wählen?“, fragte ich mich immer wieder.

Der Hauptgrund war der, beim Schuster konnte man spicken. Bei jedem Test gingen die kleinen Zettel rum, während der Oberstudienrat seine Hochglanz-Magazine über Münzen studierte. Und alle schrieben mindestens eine Drei.

So war es auch bei dem heutigen Test. Schuster teilte die Aufgaben aus, während jeder unauffällig nach seinem Zettelchen kramte. Ich hatte gelernt und brauchte weder Spickzettel noch die Hilfe der anderen. In Geschichte war ich der Beste der Klasse. Eine glatte Eins.

Ken, der in der letzten Bank ganz hinten an der Tür saß, lernte nie und bei ihm landeten letztendlich alle vollgekritzelten Papierchen. Ohne sie wäre er aufgeschmissen und stände auf einer glatten Sechs. Das gab er unumwunden zu.

Sollte er nicht versetzt werden, musste er die Schule verlassen. Dreimal sitzenbleiben war nicht erlaubt. Das wussten wir alle. Also halfen wir ihm und schützten ihn vor den schlechten Noten und dem Rauswurf.


Nach der Schule saßen wir drei im Park auf unserer Lieblingsbank. Selina und ich hielten Händchen, während Ken einen Joint rauchte und Cola-Whisky trank.

„Und das kostet wirklich nichts?“, wollte Selina wissen.

„Nein. Nur was man für Essen und Getränke ausgibt, muss man selbst zahlen. Ein Kumpel meiner Mutter stellt uns die Bude zur Verfügung und zahlt sogar die Spritkosten. Ich muss ihm dafür einen Gefallen tun und etwas mitbringen. Das Päckchen muss ich in Amsterdam abholen. Das ist alles.“

Ken besaß einen 80er Opel Kadett Caravan. Es war die dreitürige Ausführung in einem ausgeblichenen Rotbraun. Die Farbe passte gut, da sah man den Rost nicht so, der den Wagen zusammenhielt. Aber die Karre lief. Einhundertvierzig schaffte sie leicht.

„Und wie fahren wir?“, war meine Frage.

Ken kramte eine zerfledderte Karte von Holland aus seiner Schultasche und klappte sie auseinander. „Nürnberg, Würzburg, Frankfurt, Köln bis Emmerich auf der A3. Dann von der Grenze aus in Richtung Amsterdam …“, er zeigte den Weg, „im Westen um Amsterdam herum bis fast ganz in den Norden der Halbinsel. Julianadorp heißt der Ort. Liegt kurz vor Den Helder. Sind fast achthundertfünfzig Kilometer aber ...“

„Und wir wohnen in einem kleinen Ferienhaus?“, unterbrach ihn Selina.

„Klar. Ich habe euch doch das Bild gezeigt. Wohnzimmer mit Küche, zwei Schlafzimmer, ein Bad. Ein Schlafzimmer für dich Selina, das andere für uns. Ich bin schon dort gewesen mit meiner Alten und ihrem Kumpel. Ist echt schön und der Strand ist nur zweihundert Meter entfernt. Wir kaufen im Supermarkt ein und ab und zu leisten wir uns ein paar Fritten oder Kibbeling.“

„Was ist das denn?“

„Lass dich überraschen, Jakob.“ Ken klopfte mir auf die Schulter. „Magst du mal ziehen?“ Er hielt mir den Joint hin.

„Nein. Du weißt, ich rauche nie. Das verträgt sich nicht mit dem Fußballspielen.“

„Hast recht, du Supersportler.“ Er zog noch einmal, inhalierte tief und lange, blies den Rauch aus. Dann warf er die Kippe weg.

„Ich muss noch den Wagen reparieren lassen. Ein Bekannter von Julia macht einen neuen Auspuff drunter. So können wir nicht fahren.“ Ken sprang auf. „Servus. Bis morgen.“

Er nannte seine Mutter nur meine Alte oder bei ihrem Vornamen Julia.

Wir blieben schweigend sitzen, bis wir den alten Opel in der Ferne röhren hörten.

„Kommst du noch mit, Selina?“

„Klar, Jakob. Machst du uns Spiegeleier?“

Spiegeleier auf Tost mit viel Ketchup und etwas Chili war meine Spezialität. Etwas anderes konnte ich nicht.


Nach dem Essen lagen wir in meinem Zimmer auf dem Bett und knutschten wild herum. Ich spielte mit Selina Brüsten und saugte an ihren kleinen, rosa Nippeln, bis sie hart wie Kirschkerne wurden. Sie mochte das und ich hörte sie seufzen. Mehr durfte ich nicht. Sobald meine Hände tiefer rutschten, bekam ich eins auf die Finger. Die Ausbuchtung in meiner Hose war nicht übersehen und Selina, das kleine Biest, drückte ihren Schoß dagegen und machte mich noch geiler. Manchmal griff sie in meine Hose und erleichterte mich. Heute hatte sie keine Lust und ich musste warten, bis sie gegangen war.

Selina sprang auf, schlüpfte in den BH und zog ihren Pulli über.

„Ich muss weg.“

Mit einem gehauchten Kuss verschwand sie und ich lag da mit der dicken Beule in meiner Hose.

Um 17.30 Uhr war ich mit den Hausaufgaben fertig und packte die Sachen für das Training. Auf einen Zettel schrieb ich: „Mutti, mach mir bitte ein paar Brote. Bin um kurz nach acht zu Hause.“

Meine Eltern waren noch im Geschäft. Mein Vater arbeitete als Elektroingenieur bei Siemens und meine Mutter schmiss den Laden von 10.00 Uhr bis mein Vater am späten Nachmittag kam. Ihr Elektronikladen, sie verkauften 386er Computer, Drucker und neuerdings auch Autotelefone, die mein Vater einbaute, lief echt gut. Sie planten, noch jemanden einzustellen und einen zweiten Laden aufzumachen.

Als ich nach Hause kam, bereitete meine Mutter gerade meine Brote vor. Sie strahlte.

„Wir haben den Auftrag bekommen. Wir statten eure Schule mit vierzig Computern und allem Pipapo aus. Das bringt echt Geld. Und wir stellen einen Bekannten von Papa ein.“

Das war eine gute Nachricht. Ich hatte Informatik als Wahlfach belegt und bald würden auf den neuen Computern unsere Aufkleber zu finden sein.


Wir erhielten unsere Versetzungszeugnisse in die 13. Klasse am Mittwochmorgen. Um 10.00 Uhr war die Schule aus und um 14.00 Uhr waren wir unterwegs. Meine Eltern hatten mir am Morgen noch schnell fünfhundert Mark zugesteckt und mir eine gute Reise gewünscht.

Ken wirkte irgendwie abwesend und lenkte den Kadett lässig mit einer Hand, den Blick starr nach vorne gerichtet, ohne viel zu sprechen. Sein Verhalten bereitete mir Sorgen; normalerweise war er ein Typ, der ständig aufgedreht irgendetwas erzählte oder Witze machte.

Auf meinen Knien lag eine Deutschlandkarte und ich passte auf, dass Ken auch richtig fuhr. Mit dem neuen Auspuff lief der Wagen schön leise und völlig problemlos. Bei 120 km/h verbrauchte er am wenigsten Benzin und Ken hielt die Geschwindigkeit eisern ein.

Selina saß hinten auf der Rückbank und hörte Musik. Ihr Sony Discman war das Geschenk ihres Vaters für die Versetzung gewesen. Der besaß drei von den Studentenkneipen, die in Regensburg gerade angesagt waren, und hatte diese sehr teuer verpachtet. Geld besaß er genug.

„Ich brauche neue Batterien!“, sagte Selina plötzlich. „Halte bei der nächsten Tankstelle an.“

„OK. Bin sowieso müde. Gleich kommt Würzburg.“ Ken gähnte.

Fünf Minuten später bog er auf die Einfahrt zur Raststätte ab.

Wir tankten, kauften eine Menge Cola, Batterien, Chips und Schokolade und gingen aufs Klo.

„Ich rauch noch eine Tüte. Eine kleine.“, sagte Ken und drehte sich einen Joint.

Das verursachte mir Bauchschmerzen. „Kannst du noch fahren?“; wollte ich wissen, als Ken fertig war.

„Nö. Bin viel zu müde und hab keinen Bock mehr. Fahr du weiter.“ Er warf mir den Autoschlüssel zu.

Natürlich hatte ich schon Auto gefahren. Auf Waldwegen, an der Donau entlang und einmal sogar ein kleines Stück auf der Autobahn. Von der einen Auffahrt bis zur nächsten Abfahrt. Aber jetzt? Mitten im Feierabendverkehr?

„Halte ich für ne gute Idee. Ich komme aber nach vorne.“ Selina gab mir einen Kuss, öffnete die Beifahrertür und stieg ein.

Ken verschwand nach hinten, legte sich quer auf den Sitz und meinte: „Weck mich vor der Grenze.“

Bis dahin waren es noch geschätzte vierhundert Kilometer.


Es klappte besser, als ich es gedacht hatte. Nach einer halben Stunde fühlte ich mich sicher und traute mich sogar, zu überholen. Ich tankte noch einmal in der Nähe eines Kaffs, das Hünxe hieß. Ich stellte mir grässlich vor, dort zu wohnen. Wenn dich jemand fragte: „Wo kommst du her?“ und du sagst ihm „aus Hünkse“ (sprach man das wirklich so aus?), musste der dich doch für einen Volldeppen halten.

Kurz nach Mitternacht hielt ich auf einem Parkplatz vor der deutsch-holländischen Grenze an.

Wir schliefen bis um halb fünf, dann weckte ich Ken, der weiterfuhr.

Selina bekam davon nichts mit. Sie schlief tief auf dem Beifahrersitz und schaute dabei aus wie ein Engel.

Ein Gedanke ging mir die ganze Zeit durch den Kopf. Ob ich sie überreden konnte, mit mir zusammen in einem Zimmer zu schlafen? Ken könnte in seinem Schlafzimmer dann so viele Joints rauchen wie er wollte. Ich beschloss, Selina bei passender Gelegenheit zu fragen.

An der Grenze winkte uns ein übermüdet aussehender holländischer Zollmensch durch. Um die frühe Zeit gab es wenig Verkehr und trotz der Geschwindigkeitsbeschränkung, die Ken penibel einhielt, kamen wir gut voran. Eigentlich wunderte mich das ein wenig. Im Grunde genommen schiss sich Ken um Regeln und Verbote und machte das, was er für richtig hielt. Aber auf der Fahrt hatte er bisher alle Verkehrsregeln eingehalten.

Um Amsterdam herum kamen wir in einen Stau, der uns eine Stunde kostete. Später erblickten wir endlich die Nordsee und sahen die langen, breiten Sandstrände, von denen Ken uns vorgeschwärmt hatte.

Wir beschlossen, eine lange Pause zu machen. Die Schuhe ließen wir im Auto und nahmen nur unsere große Decke mit. Der Sand war weich und ich spielte mit meinen Zehen darin. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich das Meer sah, den Geruch des Salzwassers registrierte, den Wind auf meinen Wangen spürte und die winzigen Sandkörner, die er vor sich hertrieb. Aber am meisten beindruckten mich die Möwen. Ich lauschte ihrem schrillen Geschrei und bewunderte ihr müheloses Schweben und Gleiten im Wind.

Meine Erwartungen an die zwei Wochen Urlaub, an den Strand, das Meer und auf die Zeit mit Selina wuchsen ins Unermessliche.


Am Abend saßen wir auf der Treppe, die zur kleinen Veranda des Ferienhauses hinaufführte, aßen riesige Portionen frietjes met mayonaise und tranken Heineken aus Dosen.

„Morgen gehen wir an den Strand. Den ganzen Tag. Wir nehmen die Decke mit und viel Sonnenöl. Man verbrennt sich leicht an der See, auch wenn es nicht so heiß ist“, erklärte Ken, während er sich routiniert eine Tüte drehte.

„Ich bin müde.“ Selina trank ihr Bier aus und erhob sich. „Ciao!“

Während Ken den Joint anzündete, öffnete ich uns die nächsten Dosen. Schnell merkten wir auch unsere Müdigkeit und das Bier tat sein Übriges. Zwei Stunden später lagen wir in unserem Schlafzimmer und schliefen volle zwölf Stunden.

Der späte Morgen begrüßte uns mit einer gutgelaunten Selina. „Raus ihr Langschläfer!“. Sie stürmte in unser Zimmer, zog die Vorhänge beiseite und riss das Fenster auf. „Es müffelt bei euch!“

Zum Frühstück gab es eine riesige Kanne Kaffee, Weißbrot mit Käse und Hagelslag und danach liefen wir vor zum Strand.

Es war Ebbe und wir konnten relativ weit hinausgehen. Trotz der Sonne war das Meer kalt und keiner wagte sich weiter als bis zu den Knien hinein. Der Wind war unangenehm und wehte uns die Sandkörner ins Gesicht, als wir uns auf der großen Decke niederließen.

„Ich spendiere einen Windschutz. Meine Eltern haben die Reise wohlwollend gesponsert“, erklärte ich. Am Vormittag hatten wir gesehen, wie Leute bunte Windschutzplanen aufgebaut hatten.

„Kommst du mit, Selina?“

Ihr Blick wanderte rüber zu Ken. „Geht schon. Ich dreh mir einen Joint.“

Der Verkäufer in dem kleinen Laden weiter oben an der Promenade knöpfte mir fünfzig Gulden für den Windschutz ab.

Auf dem Rückweg liefen wir Hand in Hand über den gepflasterten Weg. Ich kann mich noch gut an ihn erinnern: Es waren glasierte Ziegel in unterschiedlichen rotbraunen Tönen, die in einem komplizierten Muster verlegt waren. Selina fand das lustig und hüpfte von einem dunklen Stein zum anderen, während sie weiter meine Hand hielt. Die Packtasche, in der sich der Windschutz befand, hing über meine Schulter und die schmale Kordel drückte schmerzhaft in mein Fleisch. Bis auf den Wind war alles perfekt. Die Sonne schien aus einem wolkenlosen, blauen Himmel und ließ den Sand des Strandes so blendend weiß erscheinen, dass ich die Augen zusammenkneifen musste.

Selina kicherte, während sie weiterhüpfte. „Es ist wunderschön hier. Das ist der schönste Urlaub, den ich bisher erlebt habe.“

Sie schaute mich an, kam ganz nahe und gab mir einen Kuss auf die Wange. „Du bist lieb, Jakob.“

Bis heute bin ich mir nicht im Klaren darüber, wie ernst sie das meinte. Wusste sie, wie sehr verknallt ich in sie war? Spielte sie damals mit meinen Gefühlen oder meinte sie es auch ernst? So ernst wie ich?

„Jetzt“, dachte ich mir, „jetzt frage ich sie.“

Obwohl es der perfekte Moment zu sein schien, dauerte es, bis ich mich traute.

„Ist was?“, fragte sie. Ihr war mein Schweigen aufgefallen.

Ein tiefer Atemzug. „Selina. Wir gehen jetzt schon ein halbes Jahr miteinander. Können wir beiden nicht in einem Zimmer schlafen und Ken bekommt das andere?“

Sie zog ihre Augenbrauen hoch. Das konnte sie perfekt. Plötzlich ließ sie meine Hand los.

„Meinst du das ernst?“

„Ja. Du bist ja zu Hause immer mit in mein Zimmer gekommen. Dann können wir doch auch hier zusammen sein.“

Ein Kopfschütteln war ihre Antwort.

„Warum nicht?“

„Jakob. Wir sind nicht alleine. Ich kann nicht mit dir in einem Zimmer schlafen, wenn Ken dabei ist. Was soll der von uns denken? Wir haben daheim wieder Zeit für uns. Schlag dir das aus dem Kopf!“

Ich musste mehrmals sichtbar schlucken.

„Und sei mir bitte nicht böse. Versprochen?“, fügte Selina hinzu.

„Versprochen.“

Wie konnte ich ihr böse sein? Aber meine Enttäuschung ließ sich nicht verbergen.


Interessiert beobachtete Selina, wie sich der kleine Käfer aus dem Sand wieder an die Oberfläche buddelte. Das Spiel trieb sie mit ihm schon seit einer halben Stunde. Wenn er wieder auftauchte, schüttete sie eine Handvolle Sand über ihn und wartete darauf, bis er wieder da war.

„Wenn man uns so eingraben würde, wären wir sofort tot. Aber der ist zäh.“

„Lass ihn jetzt. Er hat seine Freiheit verdient.“

Ich nahm den kleinen Kerl und warf ihn in den Strandhafer.

Wir lagen jetzt schon den dritten Tag an der gleichen Stelle. Direkt vor den Dünen hatten wir den Windschutz um uns aufgebaut. Die Öffnung zeigte landeinwärts, um die drei anderen Seiten war die Leinwand gespannt und so lagen wir vor den anderen Leuten versteckt. Es war verboten, durch die Dünen zu laufen und so konnte niemand von hinten kommen.

„Mensch, Ken. Du wirst immer brauner. War dein Vater ein Neger?“

„Nein“, lachte er. „Mein Dad war zwar Amerikaner, aber seine Vorfahren kamen irgendwo aus Mittelamerika. Puerto Rico, glaube ich. Von denen habe ich den Lockenkopf und die relativ dunkle Hautfarbe geerbt. Kenneth Santiago hieß mein Erzeuger.“

„Hast du ihn jemals kennengelernt?“ Selina drehte sich auf die Seite, stützte ihren Kopf in die Hand und musterte Ken von oben bis unten.

„Nö. Als ich auf die Welt kam, musste er nach Vietnam. „Der Boy soll Kenneth heißen, genau wie ich“, sagte er meiner Mutter und dann verschwand er und ließ uns zurück. Ich war gerade zwei Wochen alt damals. Angeblich soll er in Vietnam gefallen sein.“

„Und deine Mutter hat nie nach ihm gesucht?“

„Das war ihr zu viel Arbeit. Sie ist ein Paradiesvogel und nahm ihr ganzes Leben locker. Ging der eine, kam der nächste. Der Neue musste nur gut ausschauen und im Bett was taugen. Der war dann die nächste große Liebe. So hat sie sich durch ihr gesamtes Leben gemodelt. Eine Zeitlang als Bedienung gearbeitet, dann einem Herrn den Haushalt gemacht. Im Sommer Schmuck auf Ibiza verkauft und im Winter zu Hause bunte Röcke und Schals genäht, die sie im Sommer irgendwo an die Frau brachte. Und sie war zwei Jahre in Goa, bevor ich in die Schule kam. Hat einen Esoteriker dorthin begleitet.“

„Wer hat sich denn um dich gekümmert?“

„Oma. Also ihre Mutter. Ich habe immer bei ihr gelebt. Mama war ja nie da oder hatte keine Zeit für mich.“

Während sich Selina mit Ken unterhielt, betrachtete ich ihren Rücken. Leicht gebräunt war er und, während sie so auf der Seite lag, spiegelten sich die Sonnenstrahlen in den winzigen Schweißtröpfchen, die sich auf den Rücken bildeten und langsam nach unten liefen. Der Schwung ihrer Hüften und die langen, schlanken Beine übten auf mich eine fast magische Anziehungskraft aus. Am liebsten hatte ich ihr den Schweiß vom Rücken geküsst und mit dem Finger die Biegungen ihres Rückgrades hinab bis zu ihrer Pospalte nachgezeichnet. Aber ich musste mich ja zusammennehmen. Das hatte ich versprochen.

Ken war vom Aussehen her genau das Gegenteil von mir. Ich war blond, besaß blaue Augen, war ein drahtiger, beweglicher Typ und ein schneller, ausdauernder Läufer, der beim Fußballspielen viele Verteidiger verzweifeln ließ. Vor einem Jahr hatte man mir einen Vertrag bei einem bayerischen Drittligaverein angeboten, aber meine Eltern blieben hart: Erst das Abi, dann konnte ich Fußballprofi werden – wenn ich Lust hatte.

Mit seinen dunklen Locken, den schwarzen Augen und dem leichten Bronzeton seiner Haut sah Ken wie jemand aus Südeuropa aus. Die meisten hielten ihn für einen Italiener. Er ging regelmäßig ins Fitnessstudio, war muskulös und musste sich, anders als ich, jeden Morgen gründlich rasieren.

Für mich war er ein guter Kumpel. Ich war dankbar darüber, dass er mich mitgenommen hatte. Die andere, dunkle Seite seines Wesens sollte ich bald kennenlernen.


Am folgenden Tag regnete es. Wir schliefen lange und kombinierten Frühstück und Mittagessen zu einem Brunch.

„Ich fahr rüber nach Amsterdam, muss schauen, ob das Paket für den Kumpel meiner Mutter fertig ist. Bin am Abend wieder da.“

Ken schnappte sich die Autoschlüssel und seine Jacke und verschwand mit einem „Servus“.

Selina und ich spülten ab und fegten das Wohnzimmer. Überall lag feiner Sand auf dem Boden.

„Was machen wir heute, Selina?“

„Faulenzen. Ich geh duschen und lege mich noch einmal hin.“

Selina lächelte mich an und verschwand in ihrem Zimmer. Ich hörte sie singen. Das tat sie nur selten, obwohl sie eine schöne Stimme besaß. Kurz darauf kam sie aus dem Zimmer, ein großes Badetuch um sich gewickelt, bewaffnet mit einer bunten Kulturtasche. Sie verschwand im Bad.

„Was sagt sie, wenn ich ihr folge und mitdusche?“, überlegte ich.

Die Überlegung erübrigte sich. Der Schlüssel drehte sich hörbar im Schloss. Selina hatte abgeschlossen.

Es dauerte nicht lange und sie kam wieder heraus. Ihre Haare glänzten vor Nässe und auch das Badetuch, das sie wieder um ihren Körper gewickelt hatte, war feucht. Als Selina an mir vorbeiging, bewegten sich ihre Pobacken unter dem Frottee. Ich bekam augenblicklich eine Erektion.

„Brr. Es ist kalt“, sagte sie und zwinkerte mir zu.

„Darf ich in ihr Zimmer gehen?“, dachte ich.

Selina zog die Tür zu und schloss ab.

Ich konnte hören, wie sie ihre Haare föhnte, im Zimmer umherging und plötzlich war es ruhig.

Am späten Nachmittag hörte es auf zu regnen und die Sonne kam raus. Ich setzte mich auf die kleine Veranda und öffnete eine Dose Bier.

Ken kam kurz darauf zurück und er schien schlechte Laune zu haben. Er zog ein Gesicht, als wenn man ihn verarscht hätte. Das mochte er gar nicht.

„Ist was?“, wollte ich wissen.

„Der Typ hat mich behandelt wie einen kleinen Jungen. Das Päckchen war nicht fertig. Muss in der nächsten Woche noch mal nach Amsterdam. Scheiß Fahrerei, wenn man sich in der Stadt nicht auskennt. Alles Einbahnstraßen oder nur für Fahrräder freigegeben. Zehn Liter Super umsonst verfahren.“

„Kann passieren“, meinte ich. Ein lahmes Argument.

„Wo ist Selina?“

„Hier bin ich.“ Sie war, unbemerkt von uns, auf die Veranda gekommen. „Hab Musik eingeschaltet und bin dabei eingeschlafen und erst aufgewacht, als ich das Auto gehört habe.“

„Na, da habt ihr wenigsten einen schönen Tag gehabt. Holst du mir ein Bier, Selina?“

„Mach ich, Ken.“

Sie lief tatsächlich zum Kühlschrank und holte ihm ein Heineken.

„Morgen stehen wir früh auf. Um 9.00 Uhr fahren wir zum Markt in den Helder, gehen einkaufen und essen Kibbeling“, verkündete Ken, als wir am Abend noch auf der Veranda hockten und unser Abendbier tranken.

Das Wort Kibbeling hatte ich glatt vergessen und wusste immer noch nicht, was wir aufgetischt bekommen würden.

Der Himmel war klar, der böige Wind hatte die letzten Wolken vertrieben, aber es war ziemlich kühl. Selina saß zwischen uns und wir waren eng zusammengerückt. Ich spürte ihre Hüfte an meiner und dachte an die Stunden, die wir zusammen in meinem Zimmer verbracht hatten. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Wir gerne wäre ich jetzt alleine mit ihr gewesen.

„Wenn wir so früh aufstehen müssen, gehe ich jetzt schlafen. Gute Nacht, ihr beiden.“ Selina erhob sich und verschwand.

„Sie ist ein tolles Mädchen“, sagte Ken plötzlich. „Hast du sie schon flachgelegt?“ Er stieß mir den Ellbogen in die Rippen. „Hast du?“

Ich merkte, wie meine Ohren heiß wurden. Mal gut, dass Ken das in der Dunkelheit nicht sehen konnte. Auf eine Antwort verzichtete ich lieber.

„Aha. Der Kavalier schweigt und genießt. So einer bist du also.“ Ken lachte.

Ich fand das irgendwie gar nicht lustig.

Ein paar Minuten später hörten wir, wie die Badezimmertür aufgeschlossen wurde. Der Geruch nach Duschgel weht bis zu uns hinüber.

„Nacht!“, rief Selina noch einmal und verschwand in ihrem Zimmer.

„Ich geh auch ins Bett, Ken.“

„Okay. Ich dreh mir noch schnell eine Tüte und komme später nach.“

„Bis dann.“

Unter der Dusche dachte ich an Selina. An ihren schlanken, biegsamen Körper, ihre runden Brüste mit den niedlichen, rosafarbenen Nippeln, ihre Pobacken und stellte mir den Rest vor, der immer unter dem knappen Bikinihöschen verborgen war.

Es blieb mir gar nichts anderes übrig, als mich zu erleichtern. Hinterher lehnte ich mich schwer atmend an die kühle, geflieste Wand und ließ kaltes Wasser über meinen Körper laufen, bis meine Erregung völlig abgeklungen war.

Kaum lag ich in meinem Bett, war ich auch schon eingeschlafen und bekam gar nichts davon mit, als Ken ins Zimmer kam und in sein Bett schlüpfte.


Kibbeling schmeckte mir ausgezeichnet. Es handelte sich um Fischstückchen, die paniert und wie frietjes in Öl gebacken wurden. Hier, an der Küste, war der Fisch natürlich fangfrisch und der Unterschied zu Fischstäbchen und Tiefkühlfisch, der bei uns zu Hause manchmal auf den Tisch kam, war gewaltig. Für drei Gulden gab es eine Riesenportion mit Mayonnaise, von der man mehr als satt wurde.

Anschließend probierten wir allerlei Käsesorten an den Käseständen und kauften für die kommenden Tage Obst, Gemüse, Bauernbrot und natürlich Käse ein.

Ganz zum Schluss erstand Ken für einen Gulden eine einzelne Blüte, die er Selina mit den Worten „Für die schönste Frau in unserer Mitte“ überreichte.

„Danke“, sagte sie artig und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

Ich bekam keinen ab und biss mir auf die Lippe. Auf die Idee mit der Blume hätte ich auch kommen können.

Am Samstagnachmittag und den ganzen Sonntag lagen wir auf unserem Stammplatz direkt vor den Dünen. Es war richtig heiß geworden und der Wind war eingeschlafen. Die Hautfarbe veränderte sich zu einem leichten Bronzeton bei Selina und mir, während Ken bereits richtig braun geworden war. Nach jedem kurzen Bad in der See, achtzehn Grad waren nicht gerade warm, machten wir regen Gebrauch vom Sonnenöl. Selina ließ sich abwechselnd von uns eincremen, anschließend waren wir an der Reihe. Wenn Ken oder ich das Öl auf ihrem Bauch und ihren Oberschenkeln verrieben, schnurrte sie wie eine Katze und ihre Brustwarzen verhärteten sich deutlich sichtbar unter dem dünnen Stoff des Oberteils.

„Morgen gehen wir an den FKK-Strand“, sagte Ken plötzlich, als wir am Abend den Windschutz zusammenlegten. „Hat jemand was dagegen?“

„Gib es hier einen FKK-Strand?“, wollte Selina wissen.

„Weiter hinten.“ Er zeigte nach Süden. „Zwei Kilometer die Straße runter. Ich bin immer mit Julia und ihrem Typ dort gewesen. Ist echt angenehm, wenn man keine nassen Badesachen anhat.“

„Mit deiner Mutter am FKK-Strand?“ Selinas Stimme klang mehr als erstaunt.

„Warum nicht? Sie ist meine Mutter und hat mich schließlich geboren. Ich bin früher immer mit ihr in die Badewanne gegangen. Findest du das falsch?“

Selina überlegt, schüttelte schließlich ihren Kopf. „Nein. Eigentlich nicht. Der Gedanke ist nur ungewohnt für mich.“

„Du machst aber mit?“

„Wenn Jakob auch mitkommt, warum nicht? Schließlich laufen dort ja alle Leute hüllenlos rum. Oder?“

„Alle. Und du kommst doch auch mit, Jakob?“

„Klar“, war meine Antwort. Bin doch nicht prüde.“

„Dann ist ja alles bestens.“


Am Montag lag ich zum ersten Mal in meinem Leben nackig auf einer großen Decke zwischen anderen Nackigen. Die Hose runterzuziehen vor Selina, Ken und den anderen Leuten, das war ein merkwürdig peinlicher Moment. Aber nach einer Viertelstunde kam es mir schon normal vor.

Alle taten das, was man an einem Strand macht, nur mit dem Unterschied, dass sie unbekleidet waren. Kinder spielten im Sand, ein Junge ließe einen Drachen steigen, Leute gingen ins Wasser oder suchten nach Muscheln.

Selina trug ihr Bikinihöschen. „Ich habe noch meine Tage“, erklärte sie und ein roter Hauch überzog ihr Gesicht. „Sind aber morgen bestimmt vorbei. Dann ziehe ich es auch aus.“

„Cremt euch vernünftig ein“, riet uns Ken. „Wir sind an einigen exponierten Stellen schneeweiß. Man hat schnell einen unglaublichen Sonnenbrand auf dem Arsch. Ist mir schon passiert. Ich konnte drei Tage nicht mehr sitzen.“

Ich durfte Selinas Rücken eincremen, dann drehte sie sich um.

„Vorne bin ich dran“, grinste Ken.

„Das schmink dir ab. Kann ich alleine.“

Selina cremte ihren weißen Halbkugeln sorgfältig ein und wir schauten zu, wie sie mit dem Sonnenöl ihre Brüste massierte und sich dabei ihre Brustwarzen neugierig aufrichteten. Das Ergebnis waren mächtige Erektionen bei Ken und mir. Peinlich berührt rollte ich mich auf den Bauch, während Ken grinsend auf der Seite lag und Selina zuschaute.

„Benehmt euch!“, schalt sie uns. „Meint ihr, ich sehe das nicht?“

Ich hatte auch etwas gesehen. Kens Erektion war ungefähr doppelt so groß wie meine. Und ich hatte mitbekommen, wie Selina ihre Augen aufriss und die Spitze ihrer Zunge über ihre Lippen fuhr.

Ein Versprechen ist ein Versprechen und Selina hielt es ein. Am nächsten Tag war es genauso heiß wie am Vortag. Wir spannten am FKK-Strand den Windschutz auf und breiteten unsere Decke aus. Wie selbstverständlich zogen wir drei unsere T-Shirts und unsere Shorts aus. Selina drehte sich auf den Bauch.

„Po und Rücken eincremen“, ordnete sie an, „jeder eine Seite.“

Wir gehorchten begeistert.

Anschließend drehte sie sich um und verteilte den Sonnenschutz auf die weiße Körperpartie, dort wo ihr Bikinihöschen die Sonne ferngehalten hatte. Ihre Scham war rasiert, nur ein feiner, dunkler Flaum umrahmte ihre Schamlippen.

Ich hielt den Atem an. Auch Ken starrte auf das angedeutete Dreieck.

„Passt auf, dass euch nicht die Augen rausfallen“, spottete sie. „Bitte einmal den Rest einölen, jeder seine Seite.“

Selina zog sich ihr Handtuch als Sonnenschutz über die Augen, breitete die Arme aus und überließ sich unseren cremenden Händen.

Besondere Sorgfalt widmeten wir ihrem Busen und auch der Rest wurde fachmännisch vor der Sonne geschützt. Nur die Stelle, die sie schon gecremt hatte, ließen wir aus.

Unsere Erektionen ließen nicht auf sich warten.

Selina schaute nach links und rechts unten, zog dann wieder das Handtuch über ihre Augen und meinte nur: „Jungs, benehmt euch. Was soll ich von euch denken?“

Trotz aller Vorsorge konnten Selina und ich nicht ganz vermeiden, dass unsere Hinterteile an dem Tag etwas zu viel Sonne abbekamen. Aber die Schmerzen waren zu vernachlässigen. Ken schien gegen Sonnenbrand unempfindlich zu sein.


In dieser Nacht endete meine erste große Liebe. Ich weiß nicht, warum ich aufwachte. Wahrscheinlich, weil ich aufs Klo musste; die allabendlichen drei Dosen Heineken drückten auf die Blase.

Kens Bett war leer. Im ersten Moment ging ich davon aus, dass er im Bad war, doch als ich ins Wohnzimmer ging, stand die Badtür offen. Er war nicht darin. Jetzt hörte ich die Geräusche. Sie kamen aus Selinas Zimmer und sie waren eindeutig: das Quietschen des Betts, das Keuchen und das Stöhnen.

Selina und Ken hatten heftigen Sex miteinander.

Ken kam gegen sechs, als es draußen schon wieder hell war. Ich lag wach und starrte gegen die Decke.

Weder Ken noch ich sagten ein Wort.

Das Frühstück verlief schweigend und als wir fertig waren, packten wir unsere Sachen und gingen ohne Diskussion zum Strand. Nicht an den FKK-Strand, sondern an den ganz normalen, an dem wir während der ersten Tagen gelegen hatten. Nach außen hin schien alles seine Ordnung zu haben. Selina lag in unserer Mitte, wir gingen zusammen ins Wasser, cremten uns gegenseitig ein und redeten über dieses und jenes. Aber die Lockerheit, das Unbekümmerte und das Gefühl der Verbundenheit waren verschwunden. Wir lagen dort, hinter unserem Windschutz, wie gute Bekannte, aber nicht wie gute Freunde.

Die folgenden Nächte verbrachte Ken in Selinas Zimmer. Ich hörte die beiden, obwohl ich mir verzweifelt das Kopfkissen auf die Ohren drückte. Selinas spitze Schreie und Kens Stöhnen waren präsent: abends, in der Nacht und am frühen Morgen.


Am Tag vor der Abreise, es regnet draußen in Strömen, erklärte Ken beim Frühstück, er müsse gleich nach Amsterdam fahren und wisse nicht, wann er zurückkäme.

Selina und ich spülten das Geschirr, räumten auf und fegten alle Räume. Wir redeten nur das Notwendigste miteinander und ich vermied es, ihr in die Augen zu sehen, während sie die ganze Zeit meinen Blick suchte. Später ging sie duschen und verschwand danach in ihrem Zimmer, während ich auf dem Sofa saß und ein Buch las.

Nach einer Weile öffnete sich ihre Zimmertür. Selina kam auf mich zu und setzte sich neben mich. Sie roch frisch und sauber, trug nur ein paar Shorts und ein weites Sweetshirt.

„Bist du mir böse, Jakob?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein Selina. Nicht böse. Nur traurig. Hatte gedacht, es wird etwas Dauerhaftes mit uns beiden.“

Obwohl ich mich mit aller Kraft dagegen wehrte, klappte es nicht. Plötzlich liefen mir die Tränen die Wangen runter.

Das schien Selina zu treffen. „Nicht, Jakob“, flüsterte sie, „nicht weinen!“

Sie umarmte mich und zog mich an sich.

Ich fühlte ihre Wärme, schlang meine Arme um sie und barg meinen Kopf an ihrem Busen, während meine Tränen weiter die Wangen runterliefen.

Wie es dazu kam, weiß ich nicht genau. Auf einmal spürte ich ihre Lippen auf meinen, meine Hände fuhren unter ihr Shirt, streichelten ihren Busen und zogen das Shirt über ihren Kopf, während sie mich nach hinten drückte und auf mir lag. Sie rieb sich an meiner Erektion und erregt fühlte ich, wie ihre Hand in meine Hose glitt.

Unsere Kleidung flog auf den Boden und plötzlich hockte sie auf mir, während ich in ihr war. Sie ritt mich hart und schnell kamen wir gleichzeitig. Es war für mich wie eine Explosion. Die erste überhaupt.

Hinterher lag Selina schwer atmend auf mir und ich wollte sie gar nicht mehr loslassen, für immer festhalten und in ihr bleiben. Schließlich rutschte ich aus ihr raus und spürte die Nässe die auf mich runtertropfte. In diesem Augenblick wähnte ich mich im siebten Himmel, schöpfte Hoffnung, Selina wiederzugewinnen.

Doch erhob sie sich ganz plötzlich, ließ mich dort liegen, entzog sich meinen Händen und suchte ihre Sachen zusammen. Sie schaute auf mich runter und ihre Worte zerstörten meine Hoffnung.

„Du bist ein richtig lieber Junge“, sagte sie zu mir. „Aber Ken ist ein richtiger Mann. Das ist der Grund. Bitte erzähl ihm nichts!“

Selina drehte sich um und verschwand in ihrem Zimmer. Dort blieb sie, bis Ken am späten Nachmittag zurückkam. Seine Laune war deutlich besser als nach seiner ersten Fahrt nach Amsterdam.

„Hat alles gut geklappt. Hab die Sachen bekommen.“

„Was solltest du denn mitbringen?“, wollte ich wissen.

„Privates Zeug. Ist schon im Wagen verstaut. Heute gehen wir früh schlafen, morgen verschwinden wir hier um sechs Uhr.“

In der letzten Nacht musste ich wieder die Geräusche der Liebe im Nachbarzimmer ertragen. Es war die schlimmste Nacht meines Lebens.


Am folgenden Morgen kamen wir pünktlich weg. Ken fuhr die ganze Strecke und Selina saß vorne neben ihm.

Ich blickte hinten, auf dem Rücksitz, während der Fahrt aus dem Fenster und es fiel kein einziges Wort zwischen uns.

Zweimal mussten wir tanken und gingen auf die Toilette, ohne größere Pausen zu machen. Kurz vor 15.00 Uhr erreichten wir in Regensburg. Ken setzte mich vor unserer Haustür ab. Ich schnappte meine Tasche, sagte „Bis dann“ und die beiden fuhren weiter.

Den Rest der Ferien verbrachte ich damit, meinem Vater und seinem Angestellten bei der Installation der Hard- und Software in unserer Schule und in einem größeren Betrieb am Stadtrand zu helfen. Mein Vater gab mir eintausend Mark und schlug mir vor, doch Informatik zu studieren.

Ich hatte jedoch andere Pläne.

Bei Beginn des dreizehnten Schuljahrs fehlten Selina und Ken. Sie seien von den Eltern abgemeldet worden, erklärte Oberstudienrat Schuster.

Kens Mutter war nicht zu erreichen und Selinas Vater erklärte mir, die beiden wohnten jetzt in Holland und hätten dort Jobs übernommen. Er sei dagegen gewesen, aber Selina habe ihn vor vollendete Tatsachen gestellt. Sie sei alt genug und müsse wissen, was sie zu tun habe.

Das letzte Schuljahr verging schnell. Ich machte ein Einser-Abi und schrieb mich im Wintersemester für Jura an der Universität Regensburg ein.


Im zweiten Semester lernte ich Helena kennen. Ihre Eltern waren beide Anwälte und besaßen eine gutgehende Kanzlei für Wirtschafts- und EU-Recht in der Nähe von Regensburg.

Wir heirateten nach der ersten Staatsprüfung und erreichten beide die Staatsnote bei der Zweiten Staatsprüfung. Ich blieb beim Staat, wurde Richter und Helena trat in die Kanzlei ihrer Eltern ein.

Unser Lebensweg war vorgezeichnet: Geld verdienen (Helena deutlich mehr als ich), Haus bauen, Zwillinge bekommen, Familienplanung abgeschlossen und eine solide Zweckehe führen. Und ich war im letzten Oktober zum Direktor eines kleineren Amtsgerichts in der Nähe von Regensburg befördert worden.

Den Prozess gegen Kenneth Mittermaier verfolgte ich vom Zuschauerbereich des Sitzungssaals aus. Der Kollege wusste von meiner Anwesenheit und zog die Verhandlung straff und routiniert durch.

Ken erhielt, unter der Berücksichtigung seiner vielen Vorstrafen, wegen Drogenhandels eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren und neun Monaten, die er in Straubing absitzen musste.

Ich hatte kein Mitleid mit ihm. Mir war erst sehr viel später klargeworden, dass er unseren Urlaub in Holland dazu genutzt hatte, kiloweise Haschisch nach Regensburg zu bringen. Und ich blauäugiger Depp hatte das nicht mitbekommen. Gar nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte man uns damals erwischt.

Selina saß auch im Saal. Sie war als Zeugin geladen worden und sagte umfassend aus. Ich erkannte sie nicht wieder: Sie war eine hagere, billig gekleidete Frau mit einem faltigen Gesicht voller geröteter Hautstellen, an denen sie unentwegt fahrig kratzte. Als sie sich zur Seite drehte, konnte ich erkennen, dass ihr Zähne fehlten. Sie sah aus wie sechzig.

Selina bemerkte mich nicht, als sie nach der Urteilsverkündung an mir vorbeihumpelte und den Sitzungsraum verließ.

Ich war froh darüber.

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